Von Wolfram Siebeck

Das liest sich so harmlos: "2000 Männer und Frauen, repräsentativ für 44 Millionen Bundesbürger ab 18 Jahren, wurden von einem Meinungsforschungsinstitut nach ihren Gewohnheiten befragt Ich bin über 18 und nicht befragt worden. Also gehöre ich zu den 44 Millionen, die durch 2000 Männer und Frauen repräsentiert werden. Einer war dabei, der auf 100 oder mehr Fragen genauso geantwortet hat, wie ich geantwortet hätte, wenn ich befragt worden wäre. Ein Doppelgänger! Und nicht nur das: Rein rechnerisch muß ich eine Unzahl von Doppelgängern haben, Dreifachgänger, Zehnfachgänger, Tausendfachgänger, wenn man auf die Zahl von 44 Millionen Bürger kommen will. Ein merkwürdiger Gedanke.

Gewiß, daß es den autofahrenden ("mehr, weil es sein muß"), alkoholtrinkenden ("gelegentlich über den Durst"), bücherlesenden ("vor ein paar Tagen") Selbständigen, der "von der Aktion ‚Trimm dich‘ schon einmal gehört oder gelesen" hat und "häufiger Radio" hört als fernsieht, daß es diese naturgetreue Kopie Ihres ergebenen W. S. noch mehrmals gibt, das ist eigentlich nicht verwunderlich.

Wie aber ist es mit den Personen, die zur Prominenz gerechnet werden, weil sie mit Eigenschaften und Eigentümlichkeiten ausgestattet sind, die wir bisher als einmalig und unvergleichlich angesehen haben? Rudi Carrel und Rudolf Augstein, Willy Millowitsch und Willy Brandt, Alice Keßler und Ellen Keßler – alles keine Solitäre? Auch sie nur Menschen, die schon unter den ersten besten 2000 jemanden finden, der repräsentativ für sie ist? Enttäuschend ist das schon. Ohne Franz Josef Strauß selbst zu fragen, weiß man nun, daß er Kanzler werden will ("wenn es sein muß"), in China war ("hat mir gut gefallen"), Mao sah ("weil es sich so ergab") und Bier trinkt ("gelegentlich über den Durst"). Man weiß das, weil ja auch für ihn einer repräsentativ sein muß und das alles auf Befragen angegeben hat.

Und wieder die gleiche, logische Überlegung: Um auf 44 Millionen zu kommen, muß dieser eine Befragte nicht nur repräsentativ für unseren prominenten FJS sein, sondern für ein ganzes Nest voll biertrinkender Bayern, die ebenfalls Kanzler werden wollen, in China waren und so weiter. Man könnte einen Verfolgungswahn kriegen!

Wenn man ein wenig weiterdenkt, kommt man schließlich zu der Erkenntnis, daß es überhaupt nur 2000 verschiedene Bürger in der Bundesrepublik geben kann; alle anderen sind Kopien, Doppel- und Mehrfachgänger. Denn es kann ja ein Befragter nicht repräsentativ sein für einen impotenten, zigarrenrauchenden ("nicht mehr als drei, vier täglich") Forstangestellten und gleichzeitig für einen nichtrauchenden Studenten mit einer Vorliebe für Gruppensex ("wenn sich die Gelegenheit bietet"). Vorbei ist’s mit der schönen Vielfältigkeit. Kanzlerkandidaten, Ehepartner, Massenmörder? Bitte nicht drängeln, es ist für jeden einer da! Serienfabrikation, wohin man blickt.

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