Dem Regierungssender drohen Proporfc und Erpressung

Von Eduard Neumaier

Bonn, im Februar

Einstellen oder nicht – das war die Frage, die am Mittwoch die 350köpfige Redaktionsmannschaft der Deutschen Welle in Köln zu einer außerordentlichen Redakteursver-Sammlung trieb. Den Anstoß dazu gab die Ex-Cathedra-Entscheidung des Intendanten Walter Steigner, die für Äthiopien bestimmten Sendungen in amharischer Sprache einzustellen und dem an diesem Donnerstag tagenden Rundfunkrat die Auflösung der zehnköpfigen amharischen Redaktion zu empfehlen. Die Versammlung bot zugleich Gelegenheit, sich miteinander und mit dem Intendanten über die geplante Neuorganisation des Senders anzulegen. Beides ist gleichermaßen politisch durchtränkt, beides wohl geeignet, die Redaktion in zwei Lager zu spalten.

Vordringlich war jedoch zunächst die alte Frage, ob Erpressern nachgegeben oder ob die Probe aufs Exempel gewagt werden solle. Dies war vorausgegangen: Die deutsche Botschaft in Addis Abeba hatte das Auswärtige Amt von Drohungen gegen die etwa sechshundert in Äthiopien lebenden Deutschen unterrichtet. Eine mit „nationalists“ zeichnende und eine anonym gebliebene zweite Gruppe – wahrscheinlich aber ein und derselbe Absender – kündigten Anschläge auf Deutsche und auf die deutsche Schule an, wenn die Deutsche Welle weiterhin auf amharisch sende.

Der Intendant, nach eigenen Worten unbeeinflußt vom Auswärtigen Amt, stellte zunächst die Nachrichtensendung ein, in der, dem Zielgebiet gerecht werdend, äthiopische Ereignisse den Vorrang hatten, und flog nach Addis Abeba, wo er jedoch nur mit dem stellvertretenden Informationsminister des Militärregimes, . Yohannes Tesfa Egzy, sprach – vornehmlich, um sich über Angriffe des Ethiopian Herald gegen die Deutsche Welle zu beklagen. Daß hinter den beiden-Drohbriefen das dort einzig an einer schweigenden Welle interessierte Regime steht, erfuhr Steigner von einem Äthiopier – ein Umstand, der freilich in Köln oder im Auswärtigen Amt ebenso herauszufinden gewesen wäre.

Die deutschen Gesprächspartner konnten Steigner nur bescheinigen, was der Deutschen Welle zur Ehre gereicht: Daß sie als einziger westlicher, amharisch sprechender Sender eine wichtige Informationslücke schließt, deren Bedeutung von Kennern mit den deutschsprachigen BBC-Sendungen während des Zweiten Weltkrieges verglichen wird – nur mit dem Unterschied, daß das Interesse der Äthiopier sich ungeniert zeigen konnte: Um 17.15 Ortszeit hing die Bevölkerung nach Schilderungen von Augen- und Ohrenzeugen an den Lautsprechern, begierig, die von Reuters und der Agence France Press verfaßten Nachrichten und die tägliche Presserevue der Zeitungs-Meinungen in Deutschland zu hören. Sachkundige Berichte über die Verhältnisse des Landes und Landesmusik rundeten das 45-Minuten-Programm ab.