Hier kam der Boom noch nicht an

Von Rino Sanders

Porto Maurizio, im Februar

Die Mandeln blühn, die Kirschen, die Mimosen, wilde Narzissen, Amaryllis. Von den gestuften Hängen nah und fern helle, trockene Wirbel: verborgen vom immergrünen Laub schlagen die Bauern mit dünnen Stöcken die schwarzvioletten Oliven vom Geäst, skandieren die sonngetränkte Stille. Ganze Tage in den Bäumen! Wenn man auf den Saumpfaden die Trockenmauern entlangfährt ins „Interland“, wie die Italiener sagen, muß man zuweilen vor quer über die Straße gebreiteten Laken oder Nylonnetzen bremsen, auf denen die ölprallen Früchte kollern. Bis sie geräumt sind, kann man die Kurven vergessen, sich einen Blick ins Rings gönnen und durchatmen: Anfang Februar. Im Talzwickel zwinkert das prospektblaue Meer und lädt schon zum Bade, und überall, am Strand, auf Promenaden und Molen spazieren die Ligurier. Jetzt wissen die, die hierher gezogen sind, mehr noch als im Sommer, warum sie es taten.

Wie kann man hier ansässig werden, noch zünftig zu Haus sein, hier, an der gerühmten „Riviera dei Fiori“, wo gierige Spekulation auf opulenten Landstrichen die Vier-, Acht-, X-Stöcker in trister Leicht- oder Luxus-Bauweise aus dem Boden gerissen und hingeklotzt hat? Jede Menge Appartements werden angeboten, zu stattlichen Preisen. Da kauft man beliebigen Süden ein. Aber den Genius loci, das Air Liguriens erwirbt man nicht mit. Wer Geld im Überfluß hat, kann sich natürlich überall eine Villa im Zypressen- und Zedernpark anschaffen oder im barocken Cervo, einem Village perché überm Meer.

So dicht an der See ist alles teuer. Wo das Gebirge karg und kahl bis an die Küste reicht, gibt’s keine Landwirtschaft, also keine Bauernhäuser, keine hochgebauten Ortschaften, und wo die Berge zurücktreten und plattes Schwemmland einfassen wie um den romanischen Bischofssitz Albenga, hat man keine Aussicht. Die Geographie legt nahe, Siedlungen mit interessanten Kaufobjekten da zu vermuten, wo die Seealpen zwischen sanft zum Meer abfallenden Seitenarmen Mulden bilden, die gegen den harschen Norden durch hohe Riegel geschützt sind und zwischen ihren Flanken Forellenflüßchen nähren, Torrenti, nach jedem Regen jäh schwellende Sturzbäche. Solche Täler findet man zwischen S. Bartolomeo und Ventimiglia, bei Diano Marina, Taggia, San Remo, Bordighera und, am günstigsten vielleicht, im Rücken der Hauptstadt der Blumenriviera, Imperia, die eigentlich aus zwei Orten besteht: dem alten Porto Maurizio und dem Industriehafen Oneglia – günstig auch, weil sie weniger vom Tourismus geprägt ist als, sagen wir, das parkreiche San Remo mit seiner immer höher in die Olivenhaine vorstoßenden Rosen-und Nelkenindustrie.

Die typische Siedlungsform der Ligurier ist das Wehrdorf. Die Häuser liegen nicht einzeln, sie drängen sich der jahrhundertelangen Sarazenengefahr wegen auf hohen Außenmauern Wand an Wand zusammen, hochgestaffelt an den Hängen oder auf Hügelrücken, schwer zugänglich, versteckt fast von den Ölbäumen und dennoch mit weitem Blick, oft auch auf einen Fetzen Meer. Viele dieser Orte sind halb verlassen und verfallen. Jugend lebt kaum noch hier, wo doch der Geist der Gegend wohnt.