Alle, die wir überzeugte Europäer sind: Laßt uns flaggen! Denn der Beschluß des Ministerrates der „Neun“ in Brüssel, daß die Ärzte sich künftig freizügig in den Ländern der Europäischen Gemeinschaft niederlassen dürfen, ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft. Der Sachbearbeiter der Europäischen Kommission, Brummer, maß dem Ereignis denn auch die rechte Bedeutung zu, als er sagt: „Hier haben wir den Beweis, daß die Gemeinschaft fähig ist, Entscheidungen zu treffen, die das alltägliche Leben der Menschen angehen.“

Natürlich ist die Entscheidung nicht leichtgefallen. Was fällt in Brüssel denn auch leicht? Zumal die Belgier, sonst Europäer von großer Initiative, haben diesmal gezögert und erst als letzte zugestimmt. In Belgien gibt es nämlich prozentual die meisten Ärzte. Diese fürchteten, daß die Kollegen aus den Ländern ringsum sich auf ihr Land stürzen könnten, so daß es der Ärzte in Belgien immer mehr gäbe. Offensichtlich eine Fehldiagnose. Denn welcher intelligente Mensch rennt dahin, wo am wenigsten zu holen, in diesem Falle: zu heilen ist?

Der Tatbestand bleibt im Prinzip ganz klar: Der deutsche Arzt kann sich in Belgien, Dänemark, England, Frankreich, Italien, Irland, Luxemburg und den Niederlanden etablieren. Das gleiche Recht ist jedem Doktor in all diesen Ländern gegeben. Aber es ist nicht zu erwarten, daß die Ärzte nun durcheinanderwirbeln und sich ungeordnet niederlassen, jeglicher im Land des Nachbarn. Ärzte, obwohl sehr reiselustig in den Ferien, sind seßhaft. Doch mag die neue Möglichkeit die Medizinstudenten geneigt machen, sich noch eine andere europäische Sprache anzueignen, weil ihre Berufswelt eben doch größer geworden ist.

Das Entscheidende bleibt, daß in den neun Ländern die Examina und Diplome gleichmäßig anerkannt werden, daß also keine andere Art der Ausbildung keine andere „Schule“ geringer eingeschätzt wird als die eigene.

Für Menschen europäischer Gesinnung ist vor allem der politische Effekt wichtig. Ist den Ärzten vergönnt, Europäer zu werden, so darf man erwarten, daß sich praktisches Europäertum zukünftig nicht allein auf sie beschränkt. Schon hat man in Brüssel bei gleicher Gelegenheit von der „Europäisierung der Heilmittel“ gesprochen. Gleich dem „Gemeinsamen Agrarmarkt“ wird es also bald einen „Gemeinsamen Medikamentenmarkt“ geben. Mit ähnlichen Ärgernissen und ähnlichen Chancen für die Zukunft.

Alle, die wir Europäer von Gesinnung sind, laßt uns eine kleine Fahne aufziehen!