Karl Arnold, 1883 und am 1. April geboren, gehörte bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu den prominenten Karikaturisten des „Simplicissimus“, in jener Schwabinger Boheme, die Thomas Mann im „Doktor Faustus“ beschrieben hat. Er gründete und organisierte mit seinen Freunden Faschingsfeste wie „Gauklertag“ und „Vorstadt-Hochzeit“, die in der spätwilhelminischen Ära den Freiraum der Künstler institutionalisierten, und 1913 die „Neue Münchner Secession“, zusammen mit Albert Weisgerber, Jawlensky, Alexander Kanoldt, Paul Klee, Edwin Scharff. Als Soldat zeichnete er bis 1917 „Kriegsflugblätter“, zwar auf eigenen Vorschlag und frei vom Bombast der zeitgemäßen militaristischen Propaganda, aber immerhin im Auftrag des Armeeoberkommandos für die „Liller Kriegszeitung“. 1917 wurde er Mitgesellschafter des „Simplicissimus“, um dessen materielle Existenzsicherung er sich tatkräftig und geschickt bemühte und auf dessen politisch inhaltliche Konzeption er bald als Redakteur Einfluß nahm – bis der „Simplicissimus“ nach der Machtergreifung seine Unabhängigkeit verlor.

Die meisten und wichtigsten seiner Arbeiten sind während der Weimarer Republik entstanden (im „Simplicissimus“ und in auflagenstarken Sammelbänden wie den „Berliner Bildern“ publiziert), räsonierende Kommentare eines über allen Parteien schwebenden Zeitgenossen. Diese Kommentare sind heute kaum als aktuelle oder gültige Interpretationen zu lesen, vielmehr als repräsentativer Ausdruck eines Teils der bürgerlichen Intelligenz in den zwanziger Jahren, deren spezifisches Aroma sich nirgends so authentisch niedergeschlagen hat wie im Kabarett und in der Karikatur. Die Stilrichtungen der Zeit, vom Art Nouveau bis zum Art Deco, wachsen Arnolds sparsamen, artifiziell pointierten Zeichnungen als Ornament zu. So wird er, vor allem in den Darstellungen der Schieber aus der Nachkriegsinflation (etwa im Blatt „Wie steht der Dollar?“ von 1923) zum Zwillingsbruder von George Grosz. Was Arnold von Grosz dann doch unterscheidet, liegt weniger im Formalen. Die Differenz liegt in der Haltung. Wenn Grosz gerade in der unterkühlten Reduktion der Zeichnung die sich rekonsolidierende Spießbürgergesellschaft mit polemischem Pathos attackiert, bleibt Arnold in der Distanz vermeintlicher Objektivität ein privater Beobachter, der den Blick für die Verzerrungen der menschlichen Gesellschaft geschärft hat, die er notiert, sachlich und wenig betroffen und darum gelegentlich zynisch.

Er selbst hat seinen Standpunkt, der einem Privatmann im 18. Jahrhundert angemessen gewesen wäre, 1926 in einem Brief an seinen Bruder formuliert: „Nun ist man gesund, parteilich nicht abgestempelt und erlaubt sich, jene Meinung zu haben, die immer jenen unangenehm ist, die gerade, getroffen werden.“ Getroffen wurden, neben der rechten Fronde, die sich zum Sturz der Republik anschickte, Minderheiten wie Homosexuelle und Transvestiten und, nach 1933, die Kommunisten, die sich mit Gründen in die Schrebergärtenkolonien zurückgezogen hatten.

Dennoch sind Arnold prägnante Erfindungen gelungen, die für die politische Ikonographie der Weimarer Republik und über sie hinaus aktuell geblieben sind. So in der Karikatur „Der Münchner“ von 1923, also nach Hitlers mißlungenem Putsch: Dem feisten Bayern mit Bierglas und Pfeife sind statt der Pupillen Hakenkreuze in die Augen gesetzt. Nicht nur Arnold selbst hat in seinen Hitlerkarikaturen der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre dieses Motiv aufgenommen, sondern auch John Heartfield. (Bis zum 28. Februar in der Akademie der Künste, anschließend in Düsseldorf, München, Nürnberg, Stuttgart; Katalog 10 Mark.) Katrin Sello