Immer häufiger müssen Stahlarbeiter an Rhein und Ruhr kurzarbeiten

Einige tausend Hüttenwerker an Rhein und Ruhr konnten die tollen Tage in vollen Zugen genießen: Erst am Aschermittwoch mußten sie wieder zur Arbeit. Es war allerdings weniger das Narrentum auf Vorstandssesseln als der Mangel, an Aufträgen, der ihnen in der vergangenen Woche den unerwarteten Urlaub bescherte: Sie mußten zwei Tage ihres Jahresurlaubs opfern, weil in der inländischen Stahlindustrie der Absatz mit der Produktion derzeit nicht Schritt hält.

Die Kurzurlauber waren im Vergleich zu Kollegen bei anderen Werken noch gut dran. Unternehmen mit höheren Kosten – wie an der Saar – und Firmen mit einem großen Lieferanteil an die Autoindustrie mußten schon zuvor zu Kurzarbeit übergehen. Insgesamt arbeiten bisher allerdings erst 12 000 der 330 000 Stahlwerker kurz.

Im vergangenen Jahr sah alles noch sehr viel freundlicher aus. Nach dem schon recht guten Jahr 1973 brachte 1974 der deutschen Stahlindustrie Rekord um Rekord – bei der Produktion, bei den Preisen und beim Gewinn. Die Produktion kletterte um 7,5 Prozent auf über 53 Millionen, Tonnen, die Preise erreichten vor allem im Export schwindelerregende Höhen – für einzelne Produkte wurden bis zu 1250 Mark je Tonne gezahlt, nahezu 80 Prozent mehr als der inländische Listenpreis. Die Branche wurde deshalb auch glänzend mit den gleichzeitig gestiegenen Kosten fertig. Trotz stark erhöhter Preise für Koks, Erz und Schrott erreichten 1974 die Gewinne bis dahin ungekannte Höhen – dem Branchenführer August Thyssen-Hütte AG fiel es nicht schwer, die Dividende von zehn auf 14 Prozent zu erhöhen.

Selbst die Misere der Automobilindustrie vermochte das Glück der Stahlwerke nicht zu trüben. Obwohl die Fahrzeugindustrie, die direkt und indirekt etwa zehn Prozent der Stahlerzeugung abnimmt, etwa 20 Prozent weniger Autos erzeugte – was für die Stahlindustrie ein Absatzrückgang von zwei Prozent bedeutete – stieg die Produktion der Hütten kräftig. Denn der um ein Prozent geringere Inlandsverbrauch wurde durch vermehrte Exporte und höheren Marktanteil im Ausland mehr als ausgeglichen.

Doch im Spätherbst registrierte die Branche dann die ersten Anzeichen, daß der Boom gebrochen war. Die Auftragseingänge bröckelten ebenso ab wie die Exportpreise – Unsicherheit ergriff die krisenerfahrene Branche. Sie verbuchte im letzten Quartal 1974 im Monatsdurchschnitt nur noch Aufträge in Höhe von 1,6 Millionen Tonnen, im Vergleichsquartal 1973 waren es noch jeweils 2,5 Millionen Tonnen gewesen. Die Aufträge aus Drittländern halbierten sich dabei auf 350 000 Tonnen im Monat.

Da die Lieferungen mit monatlich 2,3 Millionen Tonnen noch auf alter Höhe blieben, sank der Auftragsbestand, der zu Beginn des Jahres noch fast acht Millionen Tonnen betragen hatte, auf inzwischen rund fünf Millionen Tonnen: damit ist die Beschäftigung für nur noch gut zwei Monate gesichert.