Was in den Wahlnächten des Jahres 1974 an Tendenzen sichtbar wurde, hat die repräsentative Wahlstatistik der Landtagswahlen von Hamburg, Niedersachsen, Hessen und Bayern jetzt bestätigt: Die Stimmenverluste der Koalitionsparteien gegenüber der Bundestagswahl 1972 waren unter den Jungwählern durchweg größer als bei der Gesamtwählerschaft. Im Vier-Länder-Durchschnitt verlor die SPD bei den 18- bis 25jährigen 9,2, die FDP 1,4 Punkte. Entsprechend größer als im Wählermittel war mit 7,7 Punkten der Zuwachs der CDU/CSU sowie der extremen Parteien insbesondere auf der Linken ( + 2,9). Auch ist die Wahlbeteiligung der Jungwähler gegenüber 1972 wesentlich stärker zurückgegangen als die der Gesamtwählerschaft.

Allerdings zeigt dieser Befund Unterschiede von Land zu Land. Die Jungwählerbewegungen waren in Hamburg am stärksten, in Niedersachsen am geringsten; sie lagen in Hessen unter und in Bayern über dem Durchschnitt.

Beeinflußt sind diese Differenzen weit weniger durch regionale Besonderheiten als durch die zum Zeitpunkt der Wahl vorherrschende politische Grundstimmung. Hinzu kommen länderspezifische Muster der Wahlbeteiligung sowie des Wähleraustausches zwischen SPD und FDP.

  • Wo, wie in Hessen, die SPD ihre Einbußen durch Gewinne von der FDP teilweise kompensieren konnte, tragen die Koalitionspartner die Jungwählerverluste gemeinsam. Hier liegt die Minusrate der SPD unter, die der FDP über dem Vier-Länder-Durchschnitt.
  • Wo es, wie in Bayern, eine größere Wahlenthaltung gegeben hat, sind, gemessen an 1972, besonders viele Jungwähler zu Hause geblieben.
  • Wo, wie zur Zeit der Hamburg-Wahl, die bundesweite SPD-Sympathiekurve auf einem Tiefpunkt stand, gab es bei den 18- bis 25jährigen extrem hohe Abwanderungsraten, die nicht nur CDU und FDP, sondern auch den linken Splittergruppen zugute kamen.
  • Wo, wie in Niedersachsen, unter dem unmittelbaren Eindruck des Kanzlerwechsels gewählt wurde, der die SPD-Kurve kurzfristig ansteigen ließ, sind die Jungwähler weniger stark abgewandert als anderswo.

Die junge Generation hat auf Stimmungsveränderungen in der Wählermeinung offenbar besonder sensibel reagiert – 1974 ebenso wie 1972. Damals profitierte die Koalition, diesmal die Opposition. Gewinne 1972 und Verluste 1974 hatten nahezu die gleiche Größenordnung; mit über 10 Prozentpunkten waren sie bei den jungen Leuten nahezu doppelt so groß wie bei der übrigen Wählerschaft. Bei Wahlbeteiligung und Wahlenthaltung ergab sich das gleiche Muster. Im Wahlverhalten der jüngeren Altersklassen folgte eine Sonderentwicklung der anderen; die eine hat die andere wieder aufgehoben. Damit haben sich in der Statistik von 1974 auch wieder die aus den fünfziger und sechziger Jahren bekannten altersspezifischen Muster des Wählerverhaltens reproduziert, wonach, unabhängig vom jeweiligen Niveau, die jüngeren Jahrgänge etwas stärker SPD wählen als die Älteren, aber erheblich weniger zur Wahl gehen.

Kündigt sich nun ein Trend zur Normalisierung des Jungwählerverhaltens an? Oder werden die jungen Leute in Zukunft ähnlich flexibel wählen wie 1972 einerseits und 1974 anderseits? Leben konservative Grundstimmungen und Positionen wieder auf, unter denen frühere Jungwählerjahrgänge sozialisiert worden sind? Oder ist der phänomenale Pendelschlag im Jungwählerverhalten ein Indiz dafür, daß eine Generation herangewachsen ist, die dem Parteiensystem undogmatisch gegenübersteht; die ihre beruflichen und sozialen Rollen flexibel gestaltet; deren politische Meinungsbildung sich zunehmend unter Gleichaltrigen vollzieht; die sich rasch begeistern läßt und die ebenso rasch zu enttäuschen ist?

Die Antwort auf die Frage, wie weit in der Jungwählerschaft heute traditionelle parteipolitische Orientierungen durch sensibles Reagieren auf das politische Marktgeschehen überlagert werden, setzt eine Klärung der Bedingungen voraus, unter denen sich die Wanderungen von 1972 und 1974 vollzogen haben.