Von Sepp Binder

Mainz, im Februar

Den Einzugsmarsch intonierte eine 26 Mann starke, grünberockte Polizeikapelle. Die Marschkolonne des CDU-Landesvorstandes, angeführt vom fröhlich winkenden, neuen Vorsitzenden Bernhard Vogel und dessen Stellvertreter Otto Meyer, bahnte sich in Zweierreihen mit flottem Gleichschritt den Weg durch die applaudierende Menge. Helmut Kohl jedoch, rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und Unions-Spitzenmann für die Landtagswahlen am 9. März, schritt allein im dritten Glied. Er stolperte an der letzten Stufe zum überdimensionalen Podium der Mainzer Rheingoldhalle.

Beim Aufgalopp der Union vor der heißen Wahlkampfphase saß Helmut Kohl nicht nur optisch schlecht im Sattel. Im Gegensatz zu ihm präsentierte sich drei Wochen vor dem Urnengang zwischen Nahe, Rhein und Mosel sein Nachfolger an der Unions-Spitze von Rheinland-Pfalz in Bestform: Bernhard Vogel wurde zum Spitzenredner wider Willen.

Mit rhetorischem Schliff spielte er überzeugend den Part des Landeswahlkämpfers. Seine Hiebe sind wuchtig, und seine Pointen über Arbeitslosigkeit, Strukturprobleme und die Koalitionsaussage der Liberalen zugunsten der CDU sitzen: Man könne nicht auf zwei Hochzeiten tanzen und doppelt kassieren, oder gar: Die Rückseite der Scheidungsurkunde mit der SPD lasse sich schlecht für einen Heiratsantrag an die CDU verwenden. Der Korb des nicht nur politisch eingefleischten Junggesellen an die FDP bringt Stimmung unter die 3000 Zuhörer. Und am Ende reißt Vogel die Arme zur Siegerpose in die Luft: An diesem Tag hat er das Duell um die Gunst der Parteifreunde bereits gewonnen, bevor Helmut Kohl an die Mikrophone schreitet.

Kohl kämpft diesmal nicht nur um die Wähler-, mehrheit in seinem Land, sondern auch um die Kanzlerkandidatur in den eigenen Reihen. Nach genau fünfzig Prozentpunkten vor vier Jahren setzt er auf den Bundessog zur CDU. Schon im Sommer vorigen Jahres ergab eine interne Umfrage, eine deutliche Mehrheit für die Mainzer Union. Doch beim Rennen um die Kanzlerkandidatur ist für Kohl nur der Wählerzuwachs entscheidend. Das hohe CSU-Wahlergebnis in Bayern hat neue Maßstäbe gesetzt. Strauß hat die Meßlatte mit seinem 62-Prozent-Rekord weit nach oben gelegt. Seine Konkurrenten um die Kanzlerwürde werden diese Höhe kaum schaffen.

So sollte eigentlich die übervolle Rheingoldhalle Stimmung für Kohl über die Landesgrenzen signalisieren. Doch was nach .spontanem Zulauf aussah, war in Wirklichkeit organisierte Freifahrt in die Landeshauptstadt: zu Dutzenden karrten die CDU-Busse die Unionsfreunde aus Idar-Oberstein, Pirmasens und Trier an den Rhein. Kohl ist eben kein Magnet. Und auch die einstudierte Geste des starken Mannes gelingt ihm nicht. Zwar hämmert er pausenlos die rechte Faust aufs Rednerpult, beschwört den „Patriotismus für dieses deutsche Vaterland“ und mahnt „jeden deutschen Patrioten“ an seine Pflicht, nun CDU zu wählen – doch die Spanne zwischen Büttenrede und emotionellem Appell wirkt blaß und ermüdend, sein Klimmzug zum Kanzlerkandidaten („Ich nehme den Handschuh gern auf“) kraftlos,