Von François Bondy

„Der antike Ödipus ist ja selbst ein Fall von Zwangsneurose“ (Freud an Jung, 14. April 1907)

Holt sich die Literaturdeutung, wenn sie sich psychoanalytischer Methoden bedient; bloß zurück, was sie selber einst ausgeliehen hat – angereichert vielleicht, aber dem Ursprung nach Geist von ihrem Geist? Zwei Bücher über Literatur, in denen die Psychoanalyse Freudscher Observanz eine entscheidende Rolle spielt, drängen zu dieser zwar nicht neuen, aber wieder aktuellen Frage –

Heinz Politzer: „Hatte Ödipus einen ödipus-Komplex?“ – Versuche zum Thema Psychoanalyse und Literatur; Serie Piper 86, Piper Verlag, München, 1974; 237 S., 16,– DM

Jean Starobinski: „Psychoanalyse und Literatur“, aus dem Französischen von Eckhard Rohloff, herausgegeben von Alexander Mitscherlich; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 234 S., 20,– DM.

Zwei Essays von Heinz Politzer handeln vom Ödipus des Sophokles, dem Freud den Namen des sogenannten „Zentralkomplexes“ entnommen hat; einer der Essays in Starobinskis Buch heißt „Hamlet und Ödipus“ und bezieht sich auf jene Verbindung der beiden tragischen Helden, die Freud begründet hat.

Nach neuer Beschäftigung mit Ödipus ruft offenbar der „Zeitgeist“. Vor kurzem ist mit einem Nachwort von Anna Freud ein „Ödipus“ des holländischen Psychoanalytikers Dierk van der Sterren erschienen (Kindler Verlag, München, 1974; 144 S., 6,80 DM). Dieses Buch geht allerdings in der Obertragung des Mythischen ins unmittelbar Geschlechtliche sehr weit. Jene „dreigespaltene Straße“, an der Ödipus nichtsahnend den Laios erschlug, wäre danach „die Stelle, wo der Rumpf in die Beine übergeht, der weibliche Genitalbereich“ (S. 65); die Höhle, in die der blinde Ödipus hinabsteigt, ist dann der Schoß, die See ein „Symbol der Mutter“ wie das Kithairongebirge (S. 73). Und was sind die gebundenen Füße des kleinen Ödipus, der ihnen seinen Namen „Schwellfuß“ dankt? Ein Symbol des männlichen Genitals.