Zu den Zeiten des Kanzlers Adenauer geriet das Bonner Getriebe regelmäßig ins Stocken, wenn der alte Herr auf Reisen, in Urlaub oder krank war. Inzwischen läuft die Maschinerie zwar selbständiger; aber daß nach wie vor vieles nicht mehr geht, wenn der Mann an der Spitze ausfällt, zeigt die Verschiebung der Haushaltsdebatte – und nicht nur sie allein.

Denn die Lungenentzündung Helmut Schmidts wirkt sich auf eine Fülle anderer Ereignisse aus. Außer einer ganzen Anzahl interner Termine mußten in dieser Woche ohne den Regierungschef stattfinden oder abgesagt werden: eine Kanzlerrede vor der Betriebsversammlung der Berliner Borsig-Werke, die Kabinettssitzung, eine Ansprache vor der Vollversammlung des Industrie- und Handelstages, Gespräche mit dem neuseeländischen Ministerpräsidenten Rowling, ein Treffen mit dem Vorsitzenden des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, das Oldenburger Grünkohlessen, die regelmäßige Zusammenkunft mit den Länderchefs und schließlich Wahlveranstaltungen in Berlin.

Was Wunder bei einem solchen Terminkalender, wenn, wie anläßlich der Stippvisite Kissingers am letzten Wochenende, schon ein kurzer mantelloser Auftritt bei kaltem Wetter zum Gesundheitsrisiko wird. Aber von einer vorsichtigeren Gangart will der Kanzler nichts wissen. Also heißt die von Apels geflügeltem Steuerreformwort abgeleitete jüngste Bonner Sottise über das Arbeitstier Schmidt: „Ein Pferd, das sich selbst tritt.“

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Freilich, der Streß, unter dem die meisten Bonner Politiker stehen, ist keineswegs nur selbstverordnet, sondern auch zwangsläufig. Andere halten sie in Atem. Das lehrt nicht zuletzt der Blick in die neueste Lobbyistenliste, in die sich Interessenverbände aller Art eintragen müssen, wenn ihre Vertreter Zugang zum Bundestag erhalten und dort angehört werden wollen.

Auf 120 engbedruckten Seiten registriert die Liste nicht weniger als rund 600 Organisationen – vom „Adressenverleger- und Direkt-Werbeunternehmer-Verband“ bis zum „Zweckverband Deutscher Apotheker“. Schon diese Zahl läßt ahnen, was und wer alles auf das Parlament und die Regierung zukommt, antichambriert und den Politikern in den Ohren liegt.

Zwar dominieren die Klassischen Interessenvertretungen, wie etwa der ADAC, die Gewerkschaften, die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, der Tierschutzbund oder der Verein Deutscher Ingenieure. Aber einen Fuß in den Bonner Türen will zum Beispiel auch die „Aktion kritischer Bundesgrenzschutzentlassener“ oder die „Arbeitsgemeinschaft erstinstanzlicher Richter im Bundesdienst haben, desgleichen der „Bundesverband der Obstverschlußbrenner“ oder das „Informations-Zentrum Weißblech“, am Ende sogar die „Notgemeinschaft der Vorexaminierten“ oder die „Vereinigung der Freizeitreiter“. Offenkundig gibt es keinerlei Interessen, die nicht organisiert wären.