Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Februar

Der Wahlkampf in West-Berlin ist längst nicht so spannend, wie es die Wahl am 2. März sein wird. Dabei wird die SPD wohl zum erstenmal seit 1958 die absolute Mehrheit der Stimmen verlieren. Zum erstenmal halten es sogar manche Politiker für möglich – Alfred Dregger zum Beispiel –, daß die CDU stärkste Partei wird. Trotz allem bieten die Parteien wenig mehr als Sprüche und Langeweile. Es hat fast den Anschein, als seien sie an den Stimmen der politisch denkenden Berliner kaum interessiert.

Offensichtlich gilt die Devise, daß es vor allem lohnt, die Stimmen der Dumpfen, Ängstlichen und Enttäuschten zu gewinnen. Denn nur so läßt sich erklären, daß die SPD auf den Slogan Sicher ist sicher" setzt, CDU und Bund Freies Deutschland mit der Unsicherheit spekulieren und die FDP die Fortschritte in Berlin als Erfolge der sozial-liberalen Koalition in Bonn hinstellt. Aber auch die SPD brüstet sich mit erfolgreicher Arbeit ("Sie können sich doch wirklich nicht über die SPD beklagen"), während die CDU genau das Gegenteil will ("Mensch ärgere dich"). Die FDP versucht es mit beiden Methoden: "Es geht vorwärts in Berlin", und "Mißerfolge des Senats" – vorwärts wegen der Bonner, Koalition, Mißerfolg wegen der Alleinregierung der SPD in Berlin.

Der neugegründete, rechtskonservative Bund Freies Deutschland (BFD) treibt es mit ähnlichen Argumenten wie die CDU, will aber vor allem der SPD Wähler abwerben: "Ich wähle nicht mehr SPD. Wo man hinhört, wird geschimpft." Bedroht vom BFD sind aber eher CDU und FDP – Kalte Krieger, denen die CDU zu lau, und Nationalliberale, denen die FDP zu links geworden ist, könnten dem Bund mehr Stimmen bringen als Abtrünnige vom rechten Flügel der SPD. Dem BFD übrigens stehen offenbar erheblich mehr Mittel für Zeitungsanzeigen zur Verfügung als etwa der FDP; vielleicht sind es aber auch nur die Freundschaftsrabatte der Springer-Zeitungen.

Die übrigen Parteien, die sich in Berlin zur Wahl stellen, treten nur am Rande auf: die Sozialistische Einheitspartei West-Berlins (SEW), die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und der Kommunistische Bund Westdeutschlands (KBW). Sie sind ein getreues Spiegelbild der Zerrissenheit unter den Radikallinken, halten sich gegenseitig für reaktionär und konterrevolutionär und werden alle zusammen kaum mehr als drei-Prozent der Stimmen gewinnen. Auf Initiative der KPD haben sich diese Splitterparteien beim Oberverwaltungsgericht mehr Sendezeit für Wahlspots im Rundfunk und Regionalfernsehen erstritten. Dort sitzen nun ihre Funktionäre, sprechen von "politischer Unterdrückung" und erläutern mit sauertöpfischen Mienen die Notwendigkeit des Klassenkampfes. Die geschickteste Sprache führt dabei noch die SEW.

Klaus Schütz, Berlins Regierender Bürgermeister, fand den Wahlkampf bisher "ganz lustig". Die meisten Beobachter finden ihn eher lahm. Auf ernsthaften Streit über Sachfragen lassen sich die Parteien kaum ein, "Ich wünschte mir auch mehr Zoff", sagte Rolf Heyen, der Wahlkampfleiter der SPD. Aber richtig was los ist nur, wenn Franz Josef Strauß nach Berlin kommt oder Helmut Schmidt. Ärger gibt es sonst noch, wenn die Parteien Eigentore schießen. So kämpft die SPD seit vierzehn Tagen mit dem Thema Steuerreform; CDU-Fraktionsvorsitzender Heinrich Lummer besang eine Schallplatte mit dem infantilen Text: "Ich kenn’ eine Stadt, in der Schönheit regiert... Voller Glanz und voll Licht" – und die SPD bedankte sich postwendend für die unerwartete Anerkennung sozialdemokratischer Regierungspolitik. Der FDP schließlich liefen drei Wochen vor den Wahlen sämtliche Zehlendorfer Bezirksverordnete weg, "wegen zunehmender systemverändernder Tendenzen" im Berliner Landesverband. Gegen sie lief allerdings schon seit langem ein Parteiordnungsverfahren.

Dennoch herrscht bei (allen Parteien Optimismus. Rechnet man zusammen, was die Parteien sich erhoffen, dann müßten die Berliner etwa 120 Prozent ihrer Stimmen zu vergeben haben. Die SPD möchte von den 50,4 Prozent der letzten Wahl möglichst nicht mehr als zwei oder drei Prozent verlieren, die CDU will zu den 38,2 Prozent sechs bis sieben hinzugewinnen, die FDP glaubt, ihre 8,5 Prozent mindestens halten zu können, und der BFD hofft gar auf sechs bis acht Prozent. Natürlich will auch die SEW – wie immer – die Fünf-Prozent-Hürde überwinden, auch die anderen Splitterparteien erwarten natürlich einige Prozentchen. Da wird es am Wahlabend sicher manches enttäuschte Gesicht geben.