Von Cornelie Sonntag

Von Gold ein feines Kettelein Hält mir das Herz umschlossen.

Graf Hugo von Montfort, 1357-1423

Zweieinhalb Jahrtausende abendländischer Lyrik feiern es als Schauplatz des Gefühlslebens, als Sitz von Liebe und Mut. Das Lexikon definiert es als „muskulöses, etwa faustgroßes Hohlorgan; hält nach Art einer Saug- und Druckpumpe den Blutstrom in Bewegung“. Die Schmuckwarenindustrie schließlich bezeichnet es als Geschäftshit der Modesaison 1974/75.

Herzen aus Silber und Gold, Elfenbein und Edelstein, Keramik, Kunststoff und Jade, meist an kurzer Kette gehalten, zieren die Hälse. Man entdeckt sie als sinnige Einzelstückchen unter Nickitüchern und Fransenschals oder als spielerisch zusammengestelltes Kollektiv großer und kleiner Exemplare: in Serie getragen, bleibt Gefühlsseliges dosiert. Zu bauchiger Symmetrie gerahmt, tauchen auch Pillendosen und Bilderrahmen auf; Hausratsläden mit rustikalem Snob-Appeal verkaufen zu Herzen gebogene Kuchenformen.

Freilich hat das Herz von jeher die Phantasie beflügelt. Sappho ließ es Feuer fangen („Hast das Herz mir gekühlt, das im Brande der Sehnsucht mir stand“); bei Coleridge vermag es sich zu dehnen („Deiner gedenkend schwoll im Stolz dies Herz“); bei Goethe schrumpft es („Doch ach, schon mit der Morgensonne / Verengt der Abschied mir das Herz“); Novalis schreibt ihm menschlich-allzumenschliche Bedürfnisse zu („Durstiger und hungriger / Wird das Herz“); Wordsworth nutzt es als eine Art Tasche („Und trug, als ich den Berg erklomm / im Herzen tief des Mädchens Sang“); Johann Ludwig Runeberg, dichtender Gymnasialprofessor des 19. Jahrhunderts, brachte seine anatomischen Kenntnisse ins Spiel („Leid und Freude, beide / Wohnten mir im Herzen, / Leid in einer Kammer, / In der andern Freude“).

Nach den Transplantationen des Dr. Barnard aber schien das Herz entzaubert; als Markenzeichen Münchens wurde es in der modernen Städtewerbung verankert; im letzten Hamburger Bürgerschaftswahlkampf als Bekenntnisaufkleber, freilich im Ergebnis wenig erfolgreich, verwendet („mein herz schlägt links, spd“). Doch zum gut verkäuflichen Massenartikel für Juwelierläden, Parfümerien und Boutiquen avancierte es erst in jüngster Zeit. Trend-Erschnupperer spürten die Marktlücke vor ein paar Jahren auf. Clevere Juweliere boten herzchen-besetzte Ringe zu zivilen Preisen an; eine große Frauenzeitschrift propagierte Herzchen als Anhänger – um den Hals, später auch um die Taille zu tragen. Damit war das Feld bestellt; aus Anreiz und Angebot entwickelte sich der Boom. Die Industrie zog nach, lieferte nach den Silberherzchen auch solche aus Gold, Emaille, Jade, Elfenbein.