Todesanzeige: Das politische Theater ist nach kurzem, bewegtem Leben auf unseren Bühnen wieder einmal entschlafen. Die Hektik zweier Uraufführungen, „Betriebsschließung“ von Heinrich Henkel in Basel, ,,Viva Italia – Revue gegen den Neuen Faschismus“ vom Kollektiv Rote Rübe in München, zeigt nur, wie sprach-, wie bewußtlos politisches Theater zu Beginn des Jahres 1975 ist: Mit Volldampf keuchen beide Aufführungen in eine Sackgasse.

Am Stoff liegt es nicht.

Eine Schweizer Schuhfabrik muß schließen. Von den Auswirkungen handelt Henkels Stück. Auf der Bühne wird davon gesprochen, was die Leute im Saal beschäftigt: Arbeitslosigkeit, Inflation, Strukturbereinigung. Läßt sich für ein kritisches Zeitstück ein aktuelleres Thema denken? Doch Henkels Stück bleibt sprachlich an einem Realismus des Tonbandprotokolls kleben, strandet szenisch an einem Naturalismus, der glaubt, wenn man Arbeiter reden und handwerken lasse, werde daraus schon ein Stück über Arbeit.

Ein Staat, der länger als andere Länder Mitteleuropas versäumt hat, überkommene Strukturen der Gesellschaft zu ändern, sieht sich plötzlich nicht nur – wie andere Staaten – von den Linken, sondern vor allem von den Rechten der neofaschistischen Partei „Movimento Sociale Italiano“ (MSI) in Frage gestellt. Von deren Hintermännern und Terroranschlägen handelt die Agitprop-Revue der „Roten Rübe“. Auf der Bühne wird davon erzählt und gesungen, was als politische Nachricht aus Italien bekannt ist: Bombenattentat, Mord, Haft, Folter, rätselhafter „Selbst“-Mord, Streik. Läßt sich für ein kritisches Zeitstück ein aktuelleres Thema denken? Doch die Revue im Münchner Pop-Lokal „Crash“ in der Lindwurmstraße bleibt sprachlich an der dürren Nachrichtensprache kleben, wiederholt nur Schreckvokabeln, collagiert ein Puzzle aus Sprachklischees und strandet szenisch an einem symbolischen Überrealismus der weißgeschminkten Gesichter, der grotesk übertriebenen Stummfilmgebärden, während die Texte (und schwülstig emotionale Begleitmusik) im Play-back-Verfahren vom Tonband donnern.

So verfehlen beidentücke Wirklichkeit – und Wirkung auf ihr Publikum: Der detailverliebte Naturalismus in Basel erlaubt einen Blick durchs Schlüsselloch in die „exotische“ Welt der Handarbeiter: Vergnügen für Voyeure, solange die Weißmacher arbeiten und sich nicht anmaßen zu reden. Die sprachlich, mimisch, gestisch stilisierende Karikierung in München entrückt gefährliche Machtpolitiker in ein Niemandsland überlebensgroßer Hampelmänner, und zurück bleiben die „guten“ Proleten des Sozialistischen Realismus, die auf dem Theater unwiderstehlichen Gähnzwang ausüben.

Nachdenken verhindern beide Aufführungen mehr, als daß sie es förderten. In Basel werden so viel technisches Gerät und Handarbeit vorgeführt, daß man mit dem Sehen kaum nachkommt und Worte nur ablenken. In München werden uns die alten Reizwörter – ohne Argumente, ohne Begründungen, ohne die Überraschung des Leisen – elektronisch um die Ohren geschlagen; hier soll ein Publikum nicht überzeugt, sondern mit Musik, Songs der Solidarisierung, auf jeden Fall mit Lautstärke überrollt, hier soll nicht Kritik geweckt, sondern eine Gemeinde von schon Überzeugten oder Sympathisanten gestärkt werden. Beidemal fehlt kritischere Abstand zum Material, wobei die „Rote Rübe“ das höhere Reflexionsniveau hält.

Hans Georg Schäfer baut auf die kleine Bühne der Basler Komödie eine triste Fabrikhalle. Durch fünf hohe Milchglasfenster und verdreckte Oberlichtscheiben fällt trüb die Sonne in einen Raum, der beherrscht wird von der Glaskanzel des Meisters. Laderampe, Lastenaufzug, ausrangierte Maschinen, vielfältig benutzte, für „Meister“ und „Männer“ säuberlich getrennte Toiletten, Treppen nach oben und unten machen die Bühne zu einer Zirkusarena, die auf den Einmarsch der Akrobaten wartet. Da kommt sie auch schon, fünf Mann hoch, die Maler-Brigade, die den Fabriksaal von den Kampfparolen der streikenden Arbeiter reinigen und als Lagerraum herrichten soll. Die Anstreicher – Renovierungsgeschädigte wissen das – schleppen erst einmal die Bude voll mit Töpfen und Eimern, Pinseln und Plastikbahnen, Werkzeugkisten und Leitern. Ein zweistöckiges Fahrgerüst wird vor unseren Augen nicht nur auf-, sondern zum allgemeinen Vergnügen auch wieder abgebaut. Als Vorarbeiter der Regie hält Horst Siede die Schauspielgesellen in munterem Trab. Zack zack, das läuft. Nur das Stück bleibt stehen.