In wenigen Wochen wird in Frankreich ein Taschenbuch erscheinen, das schon heute bestsellerverdächtig ist. Dabei bietet es weder Sensationen noch Enthüllungen, sondern nur trockene Texte und nüchterne Zahlen. Sein Titel: Die Unternehmensreform.

Der mutmaßliche Bestseller-Autor, Pierre Sudreau, 55jähriger Zentrumsabgeordneter in der Pariser Nationalversammlung, ist auch kein bekannter Schriftsteller, hat aber einen guten Namen. Er wurde 1951 mit 32 Jahren einer der jüngsten Präfekten Frankreichs. 1958 holte ihn, de Gaulle in seine erste Regierung. Dank wegweisender Reformideen gilt Sudreau noch heute als einer der besten Wohnungsbauminister, die Frankreich bisher hatte. Doch schon 1962 gerieten sich der General und der Sproß einer linkskatholischen Industriellen-Familie in die Haare. Sudreau quittierte den Dienst. Er winkte auch ab, als ihn 1965 seine Freunde gegen de Gaulle in den Kampf ums Elysée schicken wollten.

Der heutige Präsident, Valery Giscard d’Estaing, vertraute dem Politiker, der in allen Lagern Respekt genießt, eine ganz besondere Mission an: Er setzte ihn an die Spitze einer Studiengruppe, die Vorschläge für eine Reform der französischen Unternehmensverfassung machensollte. Nach fünf Monaten intensiver Arbeit liegt der „Rapport Sudreau“ jetzt im Elysée vor und Giscard will ihn schnell unters Volk bringen, um eine breite Diskussion in Gang zu setzen. Denn trotz Massenarbeitslosigkeit und Inflation drängt das Elysée darauf, das in Frankreich noch verbreitete „Unternehmertum von Gottes Gnaden“ endlich abzuschaffen.

Sudreau will nicht zum großen Sammeln gegen die Kapitalisten blasen. Auf 205 Schreibmaschinenseiten ist viel von Pragmatismus die Rede, aber nicht von Ideologie. „Dieser Bericht“, so präsentierte Sudreau seine 69 Vorschläge für den Betrieb von morgen, „bringt in sich geschlossene Reformen für die Unternehmen, nicht aber eine Reform des Unternehmens“. Das Ziel der Denker-Equipe: Auch eingefleischte Klassenkämpfer sollen zur Mitarbeit gewonnen werden.

So nimmt es nicht wunder, daß an erster Stelle für die Reformer die Arbeitsbedingungen in den Betrieben stehen. Vieles ließe sich leicht und ohne große Kosten, aber mit etwas gutem Willen andern: die schlechte Ausstattung der Arbeitsplätze, die vielen Unfälle die Anonymität der Tätigkeit

Auf weit mehr Widerstand werden die Vorschläge zum zweiten Reformkomplex stoßen, denn hier geht es um eine bessere Stellung der Gewerkschaften im Betrieb. Seit Kriegsende hat zwar im Prinzip jedes mittlere und große Unternehmen einen Betriebsrat, doch dieses Gremium hat meist nicht viel zu bestellen. Wenn es von den Patrons überhaupt geduldet wird, beschränken sich seine Mitglieder in der Regel auf die Verwaltung von Sozialeinrichtungen und auf die Vorbereitung von Weihnachtsfeiern und Sportfesten.

Nun drängen die Unternehmensreformer darauf, den Betriebsräten echte Verantwortung zu geben. Das neue Dogma heißt: Die Gewerkschaften, gleich welcher Couleur, müssen als Partner anerkannt werden. Sie sollen zum Beispiel ein echtes Informationsrecht erhalten.