Freising

Die roten Plakate („Verhindert Unrecht“) mahnen drastisch. Von über 60 000 Bewohnern des Freisinger Landes nördlich von München forderten sie vor einiger Zeit: „Schreiben Sie sich allen Kummer vom Herzen, es kostet nichts.“ Seitdem greifen die derart Ermahnten in Scharen zur Feder. Ziel ihres Protests ist der seit August 1969 reifende Plan, im „Nebelloch Hallbergmoos“ zwischen München, Erding und Freising bis zum Ende; dieses Jahrzehnts Deutschlands modernsten, größten und schönsten Interkontinental-Flughafen entstehen zu lassen. Gut hunderttausend Menschen sollen in den nächsten Jahren entweder Haus und Hof aufgeben oder sich damit abfinden, mit dem Jet-Lärm zu leben. Es sei denn, ihr vehementer Protest, ihre juristischen Aktionen gegen das Genehmigungsverfahren oder ganz einfach die Ebbe in den öffentlichen Kassen und der Rückgang des Flugverkehrs brächten das ehrgeizige Milliarden-Projekt im letzten Augenblick doch noch zu Fall.

„Der Flughafen“, so artikuliert Käthe Winkelmann, die 69jährige Bürgermeisterin der in der zukünftigen Einflugschneise liegenden Gemeinde Neufahrn, die Meinung ihrer Mitbürger, „bedroht all das, was wir uns in den letzten Jahren geschaffen haben“. Jetzt sind die Flughafengegner zur größten und wohl auch letzten Runde im Schlagabtausch mit der Obrigkeit angetreten, um im Planfeststellungsverfahren, das sie für rechtswidrig halten, weil ihrer Ansicht nach die vorhergehenden Instanzen nicht einwandfrei abgeschlossen wurden, noch einmal eine Flut von 30 000 Protesten über die Behörden hereinbrechen zu lassen.

„Die Mobilisierung der Bürger gegen eine Entscheidung der Behörden war nie und nirgendwo so groß wie heute im Freisinger Land“, bekennt die weißhaarige Bürgermeisterin in Neufahrn, die den hessischen Dialekt ihrer Heimat Darmstadt auch im Oberbayerischen, wo sie seit 30 Jahren lebt, nicht abgelegt hat. Die gelernte Journalistin gilt als Motor des Widerstands gegen die „Fehlplanung Flughafen“. Sie hat Grund zur Resistenz: In dem Jahrzehnt, seit sie Bürgermeisterin ist, hat sich das: einst verschlafene Bauerndorf Neufahrn zur blühenden Industrien gemeinde mit einem Jahresetat von zehn Millionen Mark gemausert. Die Einwohnerzahl stieg von 3400 auf 10 000, unter denen sich viele Münchener befinden, die das aufreibende Großstadtleben satt hatten und aufs Land zogen. Dort entstand eine gesunde Kommune mit Hallenfreibad, Mehrzweckhalle, zahlreichen Kindergärten und einer autonomen Versorgung. Mit dem Erfolg wuchs das Prestige der Bürgermeisterin. Anfangs wurde sie nur mit knapper Mehrheit und gegen zwei Gegenkandidaten gewählt, heute kann die parteilose Liberale im Gemeinderat auf eine achtzigprozentige Zustimmung bauen. Doch seit der Flughafen droht, kriselt es in Neufahrn, die Bevölkerungsentwicklung stagniert. „Es ist eine internationale Erfahrung“, sagt Käthe Winkelmann, „daß Gemeinden und Städte in der Nähe eines Flughafens langsam veröden.“

Was schwerfällige Planungsbehörden nicht zugeben, ist ihrer Ansicht nach längst Realität: „Die Konzeption eines weiteren Interkontinental-Flughafens neben Frankfurt kann nur fragwürdig sein.“ Als das bayerische Kabinett vor fünf Jahren in einer heißen Sommersitzung den Beschluß faßte, den inzwischen von Trabantenstädten eingemauerten Flughafen München-Riem durch einen Super-Airport im Erdinger Moos zu ersetzen, ging allenthalben noch Luftfahrteuphorie um. Gutachten versprachen nicht nur die Lösung technischer Probleme, sondern auch eine explosionsartige Entwicklung des Weltluftverkehrs; mangels einer durchsetzungsstarken Lobby erhielt das „Nebelloch“ nördlich von München schließlich den Zuschlag vor allen anderen möglichen Standorten. Als explosiv entpuppten sich bisher nur die Kosten: die vor Jahresfrist erschreckt registrierte Bausumme von zwei Milliarden Mark ist inzwischen längst wieder in Frage gestellt. „Das kann unser Rettungsanker sein“, hofft die Bürgermeisterin.

Doch Käthe Winkelmann setzt nicht nur auf den leeren Geldbeutel, sondern auch auf des Volkes Zorn. Zuerst erschienen nur Transparente, die auf grobem Packpapier immerwährenden Widerstand gegen den Flughafen gelobten. Dann strömten Bauern, Handwerker, Angestellte und Hausfrauen gemeinsam in den nur 28 Quadratmeter kleinen Raum im Feuerwehrhaus der 1300-Seelen-Gemeinde Pulling, in dem 25 blaue Plastikordner der Bevölkerung behördlichen Planungsfleiß einsehbar machen.

Schon zu Beginn des Planfeststellungsverfahrens hatten die Inspektoren aus München ihre liebe Not mit den Gemeinden und deren gewählten Repräsentanten. In Neufahrn verweigerten ihnen Gemeinderat und Bürgermeisterin schlichtweg den Zutritt zum Sitzungssaal, in dem die Pläne ausgelegt werden sollten. In Pulling sträubte sich gar Bürgermeister Bernhard Sewald, den Schlüssel zum Feuerwehrhaus herauszurücken, wo sich der einzige größere Raum des Dorfes befindet. Die Regierung reagierte prompt. Gestützt auf die Gemeindeordnung beschlagnahmte sie Sewalds Schlüssel und entzog der Bürgermeisterin von Neufahrn als erster Repräsentantin einer bayerischen Kommune das Hausrecht über ihren Sitzungssaal.