Eine Revolution wirkt auf den Unbeteiligten sonderbar verfälscht, so, als betrachte er sie durch die Kameralinse eines prätentiösen Photographen; manchmal mag ihm sogar entgehen, daß sich überhaupt etwas um ihn herum ereignet. Ich erinnere mich an die dreißiger Jahre, als ich von einem Urlaub aus Estland zurückkam und zu mitternächtlicher Stunde in Riga umsteigen mußte, Weil ich in Nazi-Berlin einige Tage bei meinem Bruder verbringen wollte, der dort als Korrespondent des „Telegraph“ tätig war. Ich mußte zwei Stunden Zeit totschlagen, und so schlenderte ich durch die Straßen in der Nähe des Hauptbahnhofs und der Post: Mir gefielen die alten, tolstoij-bärtigen Droschkenkutscher, die über ihren grobknochigen Gäulen eingeschlafen waren, und die Prostituierten, die ebensogut im viktorianischen London ihrem Gewerbe hätten nachgehen können. Sie standen an den Straßenecken und lüpften, als der junge Ausländer vorbeikam, ihren Rock gerade hoch genug, um eine zierliche Fessel und den Ansatz einer wohlgestalteten Wade freizugeben. Als ich zur Frühstückszeit in Berlin eintraf, holte mich mein Bruder ab. „Was ist in Riga los?“ fragte er mich, „was macht die Revolution?“

„Revolution?“

„Das Militär hat einen Staatsstreich gemacht. Die Post und der Hauptbahnhof sind in ihrer Hand. An jeder Straßenecke sollen Maschinengewehre stehen.“

Es stimmte, es mußte stimmen, ich las es später im „Telegraph“, aber ich hatte nur die alten Droschkenkutscher und die viktorianischen Dirnen gesehen.

Im Februar 1948 war ich in Wien und fand das Thema für eine Filmstory, „Der dritte Mann“. Ich hatte mich mit einem Freund in Rom verabredet, und um damals dorthin zu kommen, mußte man über Prag fliegen. Ich beschloß, diese Gelegenheit wahrzunehmen und ein paar Tage in Prag zu bleiben. Ich konnte meine beiden Verleger aufsuchen – der eine, ein Sozialdemokrat, hatte meine „Unterhaltungsromane“, wie ich sie nannte, veröffentlicht, der andere, ein Katholik, war der Herausgeber von „Die Kraft und die Herrlichkeit“.

An dem Abend, als ich Wien verließ, kursierten Gerüchte, daß die Kommunisten die Macht übernehmen würden, mir aber machte mehr das dichte Schneetreiben Sorgen, das den Start des Flugzeugs um Stunden hinauszögerte. Mit demselben Flugzeug reisten zwei englische Korrespondenten, einer arbeitete für eine Agentur, der andere für die BBC. Sie erzählten mir, daß sie unterwegs seien, um über die Revolution zu berichten. „Revolution?“

Mir fiel wieder ein, wie vor Jahren in Riga ...