Von Michael Jungblut

Ihre politischen Standorte liegen meilenweit auseinander. Die gegenseitige persönliche Abneigung ist groß. In Temperament und äußerer Erscheinung sind sie grundverschieden. Doch bei der Analyse der politischen Zukunft Dänemarks kommen beide zu sehr ähnlichen Ergebnissen.

Per Haekkerup, Sozialdemokrat, ehemaliger Außenminister und seit wenigen Tagen wieder Wirtschafts- und Finanzminister des Königreichs, sieht sie so: „Wenn die Regierungen ständig wechseln, weil keine soliden Mehrheiten vorhanden sind, wird es mehr und mehr zu chaotischen Zuständen kommen. Das könnte nur durch eine vernünftige Wirtschaftspolitik verhindert werden – aber das ist unter den heutigen Umständen sehr schwer.“

Mogens Glistrup, Steuerrebell und Führer der Fortschrittspartei, drückt sich noch drastischer aus: „Noch haben wir keine revolutionäre Situation, aber in drei bis vier Jahren kann sie da sein, wenn es so weiter geht. Schon jetzt wandern die Wähler, die früher von großer Beständigkeit waren, ruhelos von einer Partei zur anderen.“

Es gehört schon etwas Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie „Chaos“ und „Revolution“ bei den ruhigen und ordnungsliebenden Dänen aussehen würden. Überdies fällt es zunächst auch nicht leicht^ die Unzufriedenheit zu verstehen, die ohne Zweifel breite Kreise der Bevölkerung ergriffen hat. Jedem Besucher muß das kleine Königreich mit seinen fünf Millionen Einwohnern als ein soziales Schlaraffenland erscheinen.

Seine Arbeiter und Angestellten, Beamten und Bauern zählen zu den Spitzenverdienern dieser Welt. Ein engmaschiges Netz sozialer Sicherheit gibt den Dänen zudem das Gefühl, vor materieller Not in jeder Lebenslage zuverlässig geschützt zu sein. Das Gesundheits- und Bildungswesen ist in vielen Bereichen noch besser ausgebaut als in Schweden. Kindergärten, Altersheime und psychiatrische Anstalten, suchen ihresgleichen in der ganzen Welt. Kunst und Kultur sind dank hoher staatlicher Subventionen jedermann zugänglich. Die öffentlichen Bücherhallen beispielsweise leihen nicht nur Bücher, sondern auch Schallplatten und selbst moderne Graphiken kostenlos aus. Freiwillig bemühen sich viele Unternehmen um humanere Arbeitsbedingungen und räumen über die gesetzlichen Erfordernisse hinaus ihren Arbeitnehmern größere Mitspracherechte ein. Den Konsumenten schließlich wird selbstverständlich aller Luxus westlicher Überflußgesellschaft geboten.

Dennoch wurden Bücher mit Titeln wie „Die herrschende Klasse“ (womit keineswegs die Kapitalisten gemeint sind) oder „Tyrannei der Institutionen“ zu Bestsellern. Und Nils Foss, einer der führenden Unternehmer des Landes, der in zahlreichen politischen Gremien mitarbeitet, hat mit Freunden alle Möglichkeiten eines Umsturzes im intellektuellen Sandkasten durchgespielt. Das beruhigende Ergebnis: in Dänemark undenkbar. Aber immerhin – was der Rechtsanwalt Glistrup seinen Wählern versprochen hat, käme einem (wenn auch friedlichen) Umsturz ziemlich nahe.