Innerhalb von zwei Jahren will das italienische Industrieministerium zwanzig Atomkraftwerke in Auftrag geben.

Die Scheiche treiben zur Eile. Nachdem Italien seit 1963 nur ein einziges Kernkraftwerk in Auftrag gegeben hat, sollen nun unter dem Eindruck der Rohölverteuerung umgehend zwanzig neue Anlagen gebaut werden. Ähnlich wie schon Frankreich (vergl. Zeit Nr. 8, Seite 40: „Zwölf auf einen Streich“) hat nun auch Italien den europäischen Behörden in Brüssel ehrgeizige Pläne vorgelegt.

Während derzeit nur drei kleine Versuchsanlagen aus den fünfziger Jahren drei Prozent des italienischen Strombedarfs decken, sollen 1930 ein Fünftel und in zehn Jahren die Hälfte des elektrischen Stromes aus Atomenergie erzeugt werden. (In der Bundesrepublik soll der Anteil der Kernenergie an Stromverbrauch von jetzt etwa sieben Prozent bis auf 43 Prozent im Jahr 1985 gesteigert werden.)

Am erwarteten Auftragssegen von 28 Milliarden Mark (gerechnet zu jetzt aktuellen Kursen und Preisen) werden die europäischen Kraftwerksbauer vermutlich nicht teilhaben. Das Industrieministerium in Rom will die Aufträge nur an, italienische Firmen vergeben.

Dabei haben zwei große italienische Gruppen die besten Chancen: Die Abteilung Kraftwerksbau der staatlichen Holding IRI (Institut für industriellen Wiederaufbau) und ein von Fiat geleitetes Konsortium. Die mit Heißwasser-Reaktoren von General-Electric arbeitende FRI-Tochter Ansaldo Meccanico hatte sich ein einziges Mal in einer Ausschreibung auf italienischem Boden mit der europäischen Konkurrenz gemessen – der deutschen Kraftwerks Union (Siemens-AEG) – und den Zuschlag verloren. Das von Fiat geführte Konsortium Elettronucleare bietet Westinghouse-Druckwasserreaktoren an.

In einer Unterredung mit den Gewerkschaften, die auf Beschaffung von Arbeitsplätzen drängen, sicherte das Industrieministerium zu, daß die ersten vier Kernenergiezentralen je zur Hälfte auf die von IRI und Fiat geführten Gruppen aufgeteilt werden. Außerdem hat das Industrieministerium die staatliche Elektrizitätsholding aufgefordert, so schnell wie möglich die Ausschreibung für zehn weitere Anlagen zu veranstalten. Die restlichen sechs Anlagen sollen bis 1977 bestellt werden.

Kopfzerbrechen, bereitet den Planern jedoch, wie die 28 Milliarden Mark für diesen weitgesteckten Plan aufgebracht werden sollen. Verzögerungen beim Bau sind, nach den Erfahrungen mit dem einzigen im Bau befindlichen Kernkraftwerk, auch nicht auszuschließen. In der vergangenen Woche überraschten Italiens Gewerkschaften die Öffentlichkeit mit einer Dokumentation: Die von der IRI gebaute Anlage in der Toskana wird erst mit zweijähriger Verspätung fertig und 600 Millionen Mark teurer als geplant, fg