Wir wissen, daß der moderne Sport im 19. Jahrhundert in den Public Schools in England entstanden ist. Überlieferte Spiele und Wettkämpfe wurden in dieser Zeit in Regeln gefaßt und durch Übereinkunft festgelegt. Aus dem altenglischen Volksspiel Fußball entstanden zwei Sportspiele, Soccer und – Rugby. Zwischen den Public Schools gab es Freundschaftsspiele, aber keine Meisterschaftsrunden. Fußballspielen würde „gentlemanlike“ und faszinierte die Schüler. Für die Lehrer war das Spiel Charaktererziehung und sollte Mut, Ehrlichkeit, Zielstrebigkeit und Fair-play entwickeln. Gespielt wurde um des Spielens willen, nicht um den Sieg. Ohne Rücksicht auf Sieg oder Niederlage ging es um anständige Haltung, um Verlierenkönnen und um die Achtung, des Gegners. Wie konnte sich aus diesem vornehmen Schülerspiel das heutige harte Kampfspiel Fußball entwickeln, bei dem es nur noch um den Sieg geht?

Alan Metcalfe, ein kanadischer Sporthistoriker, nimmt an, daß dieser Umbruch der Werte im Fußballspiel schon zwischen 1880 und 1890 in England entstanden ist. 1857 wurde der Sheffield Football Club als erster Verein gegründet. Gespielt wurde Soccer, also unser Fußballspiel. Die Mitglieder der ersten Fußballvereine stammten aus der gehobenen Mittelschicht und waren vornehmlich ehemalige Schüler der Public Schools. Nach vier Jahren trennten sich die Clubs in Soccer- und Rugby-Vereine und schufen die entsprechenden Dachverbände. Die Spiele wurden von den Spielern selber kontrolliert. Zwei Beobachter meldeten grobe Regelverstöße an die beiden Mannschaftskapitäne, die sich um eine faire Entscheidung bemühten.

Bis 1888 wurden fast nur Freundschaftsspiele durchgeführt und keine Meisterschaftsrunden. Inzwischen hatte aber die Football-Association 1871 einen Pokal gestiftet, um den einige neue Berufsspielerklubs kämpften. Die alten Vereine beteiligten sich daran nicht. Der Zwang den Pokal zu erobern, führte bei den Professionellen zu einer Verhärtung des Spieles, weil sie um jeden Preis gewinnen wollten. Deshalb mußte 1878 der Schiedsrichter eingeführt werden, denn die alte Selbstregierung der Spieler funktionierte nicht mehr. So ist es kein Wunder, daß ab 1885 die Old Boys der Public Schools die Fußballvereine verließen oder zum Rugby abwanderten.

Inzwischen waren auch die ersten Arbeiter-Fußball-Clubs entstanden. 1883 errang mit Blackburn Olympics zum ersten Male eine professionelle Mannschaft der Arbeiterklasse den Pokalsieg. Der siegorientierte Stil der Pokalmannschaften prägte nun auch den Stil der Amateure. Und dieser Stilwandel vom L’art-pour-l’art-Spiel zum Siegenwollen um jeden Preis vertrieb, die Old Boys aus den Fußballvereinen. Metcalfe meint, daß die alten Werte des College-Fußballs weder durch den Professionalismus noch durch das Auftreten von Arbeitern im Fußball verloren gingen, sondern allein dadurch, daß Rundenspiele, Meisterschaften und Pokalwettbewerbe eingeführt wurden, also ein starres Spielsystementstand mit dem Ziel, die beste Mannschaft zu ermitteln.

Mit der Einführung der englischen Fußball-Liga im Jahre 1888 wurde dieses System institutionalisiert.

Während der englische Fußball die professionellen Vereine konsequent in Aktien- und Kapitalgesellschaften umgewandelt hat, bleiben bei. uns die Bundesligaklubs eingetragene Vereine und stellen Sogenannte Lizenzspieler an, die nicht. voll professionalisiert sind. Die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches über „Eingetragene Vereine“ stehen einer konsequent ökonomischen Geschäftsführung des Berufsfußballs entgegen und zwingen die Funktionäre zu unklaren Manipulationen, die wieder auf die Amateurvereine zurückwirken.

Daß Berufsfußballspieler um jeden Preis siegen wollen, ist verständlich und unvermeidlich. Ob in einer konkurrenzorientierten Industriegesellschaft im Sport noch andere Werte als das Gewinnenwollen wirksam werden können, ist fraglich. Die alte englische Auffassung vom Ethos des Sports: „There is nothing more unbritish than the wish to be the best one of all“ (Peter Maclntosh) ist offenbar nicht nur in England überrollt worden.

Konrad Paschen