Nur "Sonderakten", aber keine Dossiers will der 1968 pensionierte Chef des Bundesnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen, über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der Bundesrepublik zu seinem persönlichen Gebrauch besessen haben. Und nur legale Inlandsaufklärung, nicht aber illegale innenpolitische Aufklärung betrieb sein Dienst, so ließ er es die ZEIT-Leser noch in einem Brief vom Dezember vergangenen Jahres wissen. Darin hieß es außerdem: "Der von Ihnen zum Beweis meiner Unwahrhaftigkeit erwähnte Heysing-Bericht hat mir nicht vorgelegen und ist mir auch nicht bekannt."

Nun – wir kannten damals nur einen Bericht des ehemaligen Propaganda-Kompanie-Berichterstatters und späteren BND-Schnüfflers Günther Heysing: "Betr.: Verschwendung beim ZEIT-Verlag, Hamburg" vom 7. 5. 1962. Dem Guillaume-Ausschuß des Bundestages aber lag eine Akte vor, die den erhalten gebliebenen Teil von mehr als zweitausend Berichten umfaßt, die dieser Inlandsspion in den Jahren von 1959 bis 1970 an die Zentrale in Pullach geliefert hat. Viele davon waren Auftragsarbeiten, nicht wenige wurden durch Randvermerke der Auftraggeber belobigt. Hatte Reinhard Gehlen auch von den mindestens übrigen 1999 keine Kenntnis? Aber gewiß doch hatte er sie.

Auch die scholastische Begriffsspalterei – "Sonderakten" für Dossiers, "Inlands"-für innenpolitische Aufklärung – dürfte dem Ex-Präsidenten vergehen, wenn er den soeben vorgelegten Ergänzungsbericht der Ausschußmehrheit zur Geschichte des BND gelesen hat, der gleichsam als Nebenprodukt der Guillaume-Recherchen entstanden ist. Da wurden über Jahre hinaus systematisch die Interna der heute regierenden Sozialdemokratischen Partei ausgespäht, aufbereitet und an interessierte Kreise weitergegeben.

Nein, eine SPD-Akte habe es nie gegeben, sondern nur "Quellenpersonalakten", meinte der mit der Ausforschung betraute Leiter der BND-Außenstelle Höffer von Löwenfeld als Zeuge vor dem Ausschuß. Dennoch leistete er Dienste im Dienst – für wen wohl? Als die sozial-liberale Koalition 1969 an die Regierung kam und in Pullach Ordnung zu schaffen begann, leitete Herr von Löwenfeld keinen seiner "Treffberichte" mit dem SPD-Spitzel mehr an die Zentrale weiter: Er habe seine Verbindung nicht zerstören wollen. Schließlich sei er "ein Quellenbauer und nicht ein Quellenkiller". Und wenn die Chefs das Material angefordert hätten? Dann hätte er es lieber vernichtet, als es abzuliefern. Denn das wäre einer Beschlagnahme gleichgekommen.

So treu können Beamte in geheimen Diensten sein, wenn ihnen kraft höchster Duldung unklar bleibt, daß sie dem Staat und nicht einer Partei gegen die andere zu dienen haben. Der amtierende BND-Präsident Wessel zeigte sich über den Vorgang fassungslos: Ein derartiges Ansichziehen von Akten in dieser Form habe es im Bundesnachrichtendienst seines Wissens noch nie gegeben. Das seien "MfS-Methoden" (Ministerium für Staatssicherheit der DDR). Noch mehr überrascht aber war Kanzleramtsminister und BND-Beaufsichtiger Horst Ehmke, als er im Frühjahr 1971 in seiner Eigenschaft als Abgeordneter des Deutschen Bundestages vom CSU-Abgeordneten Franz Josef Strauß erfuhr, die BND-Akte über die SPD sei – unverschämterweise – sichergestellt worden. Ehmke selbst hatte es bis dahin nicht gewußt. Woher Strauß wohl sein Wissen bezog, konnte auch der Guillaume-Ausschuß nur vermuten.

Hans Schueler