Auch ein schlechter Ruf verpflichtet –zumindest zur Wahrheit. Ich stehe in dem Ruf, ein Reisemuffel zu sein, und diesen Ruf habe ich mir redlich verdient.

Da ich ein Knabe war, mußte ich als Fahrschüler zwischen einem Zwergschuldorf und einer Gymnasialkleinstadt pendeln. Das war eher lästig als lustig. Diese Kindheitserfahrung hat, Freud bestätigend, in mir den Grund gelegt zur Unlust am Reisen. Den „Traum von der Ferne“ haben mir Karl May und Sven Hedin eher befriedigt als Fahrpläne und Kursbücher.

Dann kam Radio ins Haus. Mehr Weltgefühl habe ich nie mehr erlebt: mit Tanzmusik aus dem Londoner Savoy-Hotel im Ohr und Homers Odyssee auf dem Knie, mit Brechts Lindbergh-Ballade, vom Sender Breslau empfangen, um den Schlaf gebracht, weniger von dem Ozean-Flug als Pionier- und Heldentat hingerissen als von der Verwandlung dieses Vorganges in Poesie, drahtlos übermittelt. Seitdem haben mich Reiseberichte, Reisen als imaginatives oder rekonstruktives Ereignis zwischen Atlaskarten und Druckzeilen erlebt, mehr fasziniert als das Reisen.

Nun bin ich, von Amts wegen, zum Reisenden geworden, zum „Reisenden in Programmangeboten“. Verantwortlich für Fernsehprogramme innerhalb des föderalistisch organisierten Rundfunks in der Bundesrepublik Deutschland bin ich, nach Schaustellerart, dem ambulanten mehr als dem seßhaften Gewerbe zugehörig, und wenn ich denn schon Direktor bin, dann gleicht meine Arbeitsweise der eines Zirkusdirektors mit Wandergewerbeschein. Wie diese wohlachtbaren Kollegen sich nach dem Kalender der Jahrmärkte richten und danach ihre Plätze aussuchen, so ist unsereins dem Rhythmus der Konferenztermine ausgeliefert. Die Stationen dieser Deutschland-Rallye sind identisch mit den neun Sendern der ARD. Da keines dieser Ziele sinnvoll zu Wasser zu erreichen ist, bleiben nur drei Möglichkeiten: per Auto, per Bahn, per Flugzeug,

Luftreisen gelten als die schnellsten und, in der Aufrechnung von Zeit gegen Geld, als die rationellsten, doch diese Rechnung geht nicht immer auf, zumindest dann nicht, wenn kurze Entfernungen zwischen zwei Plätzen zu überwinden, aber lange An- und Abfahrten nebst Wartezeiten einzubeziehen sind, von Verspätungen, Ausfällen, Streiks nicht zu reden.

Fliegen ist, darin dem Fernsehen verwandt, inzwischen eine so natürliche Sache geworden, daß sie ihren Zauber verloren hat. Kinder und Greise sind meist die einzigen Passagiere, die sich noch verzaubern lassen. Die anderen, weit mehr Männer als Frauen, gleichen einer müden Herde, die willenlos aus einem Pferch entlassen und in ein Gehäuse geschleust wird: Menschenmaterial, Transportgut. Selbst jene Damen, die den längst entzauberten „Traumberuf“ einer Stewardeß bekleiden, lächeln von Jahr zu Jahr mühsamer, verständlicherweise, Denn die ihnen anvertraute Menschenfracht besteht zum überwiegenden Teil aus trübsinnig dreinblickenden Männern, wahllos von Sitzung zu Sitzung geschleudert. Als graue Jet-Mäuse erinnern sie an ihre proletarischen Väter, die ehedem auf die Holzklasse der Eisenbahn angewiesen waren.

Ich messe Flughäfen nach dem Verhältnis von Schnelligkeit der Abfertigung und Übersichtlichkeit der Anlage. Mein Lieblingsflugplatz: Köln–Bonn, Dorfbahnhof von Weltformat. Mein Alptraum-Platz: Frankfurt – Chaos, durch Design gemildert.