Von Lothar Ruehl

Genf, im Februar

Trotz nachhaltigen Drängens seines russischen Gegenspielers hielt Henry Kissinger in Genf die einmal eingenommene Position: Die internationale Nahost-Konferenz wird vorläufig nicht zusammentreten. Der sowjetische Außenminister Gromyko versuchte vergebens, dem Amerikaner das Zugeständnis abzuringen; einmal sprach er sogar von einem Mangel an Gutgläubigkeit der amerikanischen Partner.

Tatsächlich brachte der amerikanische Außenminister in den Gesprächen mit seinem russischenWiderpart – oder wie er ihn selber zuweilen nennt, um das komplexe Verhältnis von Zusammenwirken und gegensätzlichen Interessen zu kennzeichnen, seinen „Partner-Gegner“ – einen kritischen Punkt seiner Unternehmung hinter sich. Die Interessen der beiden Weltmächte im Nahen Osten, am israelisch-arabischen Konflikt und an einem Verhandlungsfrieden sind im wesentlichen konträr.

Die Vereinigten Staaten suchen ihre politische Position in bestimmten arabischen Ländern wie Saudi-Arabien, Ägypten und Kuwait zu festigen und dabei auch zugunsten Israels für einen territorialen Kompromiß zum Friedensschluß auszunutzen. Aber Kissinger stellt über das eventuelle diplomatische Arrangement hinaus in die Zukunft: Nach nahezu zwei Jahrzehnten Konflikt mit dem revolutionären pan-arabischen Nationalismus und einem graduellen Vordringen sowjetischen Einflusses in den arabischen Ländern bis auf den Höhepunkt zeitweiliger militärischer Kontrolle über Ägypten zwischen 1969 und 1972 soll die amerikanische Politik wieder einen gesicherten Bewegungsspielraum auf festerem arabischen Boden finden.

Der sowjetischen Gegenmacht soll keine strategische Prädominanz, also auch kein beherrschender politischer Einfluß im Mittleren Osten mehr ermöglicht werden. Die nach Westen orientierten arabischen Staaten von Ägypten über Jordanien bis zum Persischen Golf sollen, auch mit Hilfe des Irans, in ihrer politischen Ausrichtung, in ihren Interessen und wirtschaftlichen Bindungen als Klienten Amerikas bewahrt werden.

Die Eckpfeiler der amerikanischen Politik im Mittleren Osten waren bisher die Türkei – jetzt als Partner gefährdet –, der Iran und Saudi-Arabien. Ägypten soll dazukommen, und Israel soll als lebensfähiger Staat in einigermaßen sicheren, jedenfalls in vertraglich vereinbarten und allgemein anerkannten Grenzen erhalten bleiben. Deshalb ist eine Verhandlung notwendig, als deren Ergebnis Ägypten und Israel mit dem Einverständnis König Feisals von Saudi-Arabien einen Modus vivendi finden können, der den Kriegszustand tatsächlich beendet und allmählich auch eine friedliche Koexistenz herbeiführt. Für Kissinger bleibt daher wie im israelischen Denken das Verhältnis Israel-Ägypten der Kern der Problems, eine Regelung zwischen beiden Ländern die Grundlage für ein Friedensarrangement.