Vierhundertunddrei Ermittlungsverfahren, vorwiegend gegen Vollzugsbeamte sowie gegen den Anstaltsarzt Reith, hat die-Staatsanwaltschaft Mannheim seit dem 31. August 1974 im Rahmen der Aufklärung des sogenannten Mannheimer Gefängnisskandals eingeleitet oder übernommen. Die Vorwürfe reichen von Mord über schwere Körperverletzung bis zur Beleidigung – begangen an Gefangenen

Ob Mannheim ein Einzelfall ist, ob die Behandlung der Baader-Meinhof-Gefangenen tatsächlich so inhuman ist, wie ihre Anwälte und ein Teil der linken Öffentlichkeit behaupten, ist eine empirische Frage. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die hier weiterhelfen könnten, gibt es so gut wie nicht. Journalisten haben zum Gefängnis keinen ungehinderten Zugang. Die juristische Literatur zum Strafvollzug ist überwiegend dogmatisch und affirmativ.

Gleichwohl: Erfahrungsberichte wie „Knastreport“ oder „Kursbuch 32“ zeichnen die Gefängnisse als Stätten der Erniedrigung und Inhumanität. Kriminalstatistiken (rund 50 000 Gefangene, hohe Rückfallquoten) lassen darauf schließen, daß im Gefängnis keine „Resozialisierung“ geleistet wird. Schließlich beweist auch das Schicksal des 1972 von der Bundesregierung eingebrachten Strafvollzugsgesetzentwurfes, der den bereits hundert Jahre währenden gesetzlosen Zustand beenden und bescheidene Reformen bringen sollte, daß eine wirkliche Veränderung des Gefängniswesens nicht so schnell zu erwarten ist.

All das drängt zu der Frage, ob nicht hinter dem Gefängnis als Institution ein tieferes Prinzip steckt. Ein Prinzip, das den Strafvollzug gegenüber allen in den letzten hundert Jahren stattgefundenen gesellschaftlichen Veränderungen nahezu immun macht. Thomas Berger ist dieser Frage in einer historischen Untersuchung

„Die konstante Repression, Zur Geschichte des Strafvollzugs in Preußen nach 1850“; Verlag Roter Stern, Frankfurt 1974; 390 Seiten, 16 – DM

nachgegangen. Sein Buch, das im wesentlichen ein klug arrangiertes Mosaik bedrückender Fak- – ten enthält, macht deutlich, wie wenig sich das Gefängnis zur Zeit Bismarcks von dem heutigen in seinen grundlegenden Prinzipien und Funktionen unterscheidet.

Berger legt zunächst dar, wie mit dem Aufkommen des Merkantilismus die bis dahin in Preußen geübte Lebens- und Leibesstrafe unökonomisch wird. An ihre Stelle tritt die Freiheitsstrafe mit Arbeitszwang. In Zuchthäusern, die häufig mit Irren- und Waisenhäusern verbunden sind, werden Rechtsbrecher, Bettler und Vagabunden gefangen gehalten. Sie müssen dort für die preußischen Manufakturen arbeiten. Die Zuchthäuser erwirtschaften Gewinn; der Staat und die Städte betätigen sich als Zuchthausunternehmer.