Jürgen Claus hat in seinem Buch „Planet Meer“ (1972) vorgeschlagen, „die Möglichkeiten zu prüfen, die uns das Medium Wasser gibt“, zu untersuchen, ob sich in der Einheit von Mensch und Natur (Meer) „neue... Dimensionen biologischer und geistiger Art erschließen“. Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht die Frage, wie das Meer für den Meeschen zu einem Erfahrungs- und Erlebnisraum werd. kann, in dem Umweltbewußtsein sich erweitert und Phantasie aktiviert wird.

In Claus’ Konzept hätte die Kunst die Aufgabe zu übernehmen, das Erlebnis der „Welt Unterwasser“ zu intensivieren, den in das submarine Environment eingetauchten Menschen für die Schönheit der Kunst des Elementes Wasser zu sensibilisieren, einer Kunst, die sich nicht in greifbaren Objekten manifestiert, sondern sinnlich erfahrbar wird als Farbe, Licht, Bewegung. Welcher Art diese Kunst sein würde, die zum Erlebnis des Planeten Meer aufforderte, hat Claus in seinem Buch nicht exemplifiziert – die „Voraussetzungen einer Kunst und Umweltforschung im marinen und submarinen Bereich“ zu diskutieren, schien ihm wichtiger zu sein „als die einzelnen Objekte, die man realisieren mag“. Soviel allerdings ist Claus’ Ausführungen zu entnehmen: Es kann sich nicht darum handeln, im Sinne einer „Expansion der Kunst“ (Claus) nun künstlerische Prozesse ins Wasser zu verlegen.

Genau das hat Claus aber inzwischen getan. Er hat im vergangenen Sommer, in der Nähe von Almeria (Spanien), eine „Blume“ aus Kunststoff in zwölf Metern Tiefe am Boden des Mittelmeers verankert. Mit solchen „Blumen“, deren Gestalt an der eines Korallentiers mit, Tentakeln, der Seeanemone, orientiert ist, könnte man einen Unterwassergarten „bepflanzen“ – ein Projekt, mit dem sich Claus seit einiger Zeit beschäftigt. Unterwasser-Strukturen dieser Art zu realisieren, heißt aber, das Wasser zum Medium künstlerischer Ereignisse machen, und nicht, das Medium Wasser durch Kunst zum Ereignis machen. Mit anderen Worten: der Prozeß Kunst hat sich nicht verändert, lediglich der Ort, an dem er stattfindet, hat gewechselt, Land-Art im Meer.

Claus hat ein faszinierendes Konzept entwickelt, das zu verwirklichen ihm offensichtlich Schwierigkeiten macht: „Das Meer – Celebration of the Ocean“, eine Ausstellung in Nürnberg, in der sein Konzept und die ersten Ansätze zur Verwirklichung miteinander konfrontiert sind, berichtet von einer konkreten Utopie und dem Versuch, sie mit (vorläufig wenigstens) unzureichenden Mitteln in die Tat umzusetzen.

Der Phantasiehorizont des Konzepts appellierte an das Vorstellungsvermögen des Lesers – die Ausstellung speist den Besucher mit Photos, Zeichnungen, Diapositiven und Plänen ab, die viel von der Begeisterung des Künstlers Jürgen Claus für sein Thema verraten, weniger von der Faszination des Planeten Meer. Claus, anscheinend, überzeugt, daß sein Traum jedermann bekannt sei, hat nicht versucht, das alle Sinne aktivierende Erlebnis des Planeten Meer, im Simulator gewissermaßen, erfahrbar zu machen – das Meer also, wie es im Ausstellungstitel heißt, zu feiern. Zugegeben, auf den Unterwasserphotos bewegt sich der Homo sapiens mit der Geschmeidigkeit, eines Fisches, die Zeichnungen zeigen Taucher, die mit im Wasser schwimmenden Objekten spielen – doch diese Bilder aus einem submarinen Paradies bleiben Illustrationen einer Hypothese.

Vermutlich ist es sehr schwer, das Glücksgefühl in der „Welt Unterwasser“ optisch zu beschreiben – Delphinlaute, im Originalton, eingebettet in Flötenkantilenen, helfen da nicht viel. Und die marinen und submarinen Architekturen, die Claus auf alten Navigationskarten entworfen hat – Blätter Von hohem graphischen Reiz –, sind eher erschreckend: In diesen technoicen Strukturen ist der Auftritt des „Großen Bruders Unterwasser“ vorprogrammiert. Dennoch, Claus’ Konzept erscheint tragfähig, vorausgesetzt, er beschränkt es auf den in Grenzen realisierbaren Bereich: den Unterwassertourismus (Kunsthalle bis zum 30. März, Katalog 5 Mark).

Helmut Schneide!