Von Thomas v. Randow

Walter Gerlach, 45 Jahre alt, Versicherungskaufmann, fühlt sich durchaus wohl. Er sieht gesund aus, ist leistungsfähig und schläft gut.

Aber Walter Gerlach ist krank, krank an einem Leiden, das, sofern es nicht frühzeitig behandelt wird, das Herz schädigt, zu Schlaganfall oder Nierenversagen führen kann. Freilich gehört der Mittvierziger zur Minderheit der Glücklichen unter seinen Leidensgenossen. Denn der Zufall wollte es, daß Herr Gerlach, als er wegen einer Halsentzündung einen Arzt aufgesucht hatte, an einen Doktor geriet, der grundsätzlich bei jedem seiner Patienten den Blutdruck mißt. Hypertension diagnostizierte der Arzt und verwies den Patienten damit in die Gruppe der vierzig Prozent an hohem Blutdruck Leidenden, deren Krankheit überhaupt erkennbar wurde. Mehr noch: Gerlachs Arzt läßt seinem Patienten die beste heute mögliche Behandlung gegen Bluthochdruck angedeihen, womit Herr Gerlach in die Gruppe der nur 20 Prozent Hypertoniker (an hohem Blutdruck Leidenden) verwiesen ist, deren Lebenserwartung trotz des Leidens etwa so hoch eingeschätzt werden darf wie die eines gesunden Altersgenossen.

Das nämlich ist das Tückische an der Hypertension: Es gibt keine spürbaren Symptome für den Hochdruck des Blutes. Der „rote Kopf“, Ohrensausen, Nervosität, Schwindelgefühl oder Kopfschmerz, oft für Anzeichen hohen Blutdrucks gehalten, geben in Wirklichkeit keine Auskunft über das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein dieses Leidens, von dem mindestens sechs Millionen Bundesbürger befallen sind. Folglich wird es, falls das Herz noch nicht angegriffen ist, nur vom Arzt entdeckt, mit dem Anfang dieses Jahrhunderts von dem italienischen Kinderarzt Scipione Riva Rocci erfundenen Instrument, das den zungenbrecherischen Namen Sphygmomanometer (Sphygmos = Puls) führt. Doch obgleich das Messen damit unkompliziert ist und nur ein paar Minuten dauert, wird es, wie die Deutsche Liga zur Bekämpfung des hohen Blutdrucks e. V. konstatiert, immer noch zu selten von den Doktoren getan. Offenbar wird die Hypertension selbst von Ärzten noch nicht so ernst genommen wie sie es verdient.

Was ist Bluthochdruck? Die Pumpe Herz setzt das Blut unter Druck und bringt es damit in Umlauf. Dieser Druck ist in den herznahen großen Schlagadern am höchsten und nimmt mit der zurückgelegten Wegstrecke durch das aus knapp 100 000 Kilometern Adern bestehende System ab, bis er beim Wiedereinmünden des Blutes ins Herz auf nahezu Null abgefallen ist. Dieses Druckgefälle ist lebenswichtig, weil nur so das Blut in alle Teile des Organismus gelangen kann. Der Blutbedarf in den verschiedenen Regionen des Körpers ist aber keineswegs konstant. Er schwankt oft erheblich, weshalb das Herz manchmal mehr und manchmal weniger Blut durch das verzweigte Leitungsnetz schicken muß. Bei höherer Pumpleistung aber steigt auch der Druck in den Gefäßen. Hier sorgen nun Rezeptoren, besonders druckempfindliche Zellen an den Gefäßwänden, für eine Entlastung. Sie melden über- oder unternormalen Druck an das Nervensystem, das seinerseits veranlaßt, daß die Arteriolen, die kleinsten Verästelungen des arteriellen Gefäßsystems, erweitert oder verengt werden. Auf diese Weise findet ständig eine Drucküberwachung im Kreislauf statt.

Kurzzeitig schadet es weder dem Herzen noch den Blutadern, wenn der Druck stark ansteigt. Doch wenn die Druckbelastung ständig erhöht ist, treten mit der Zeit Schäden ein. Besonders empfindlich sind die feinen Blutgefäße im Gehirn. Sie können platzen, folglich wird das betroffene Hirngebiet nicht mehr mit Sauerstoff versorgt und muß veröden. Das ist der Schlaganfall.

Gegen einen hohen Druck zu pumpen, erfordert vom Herzen mehr Arbeit. Wird sie zuviel, dann dehnen sich die Herzmuskelfasern, das Organ wird größer, weniger elastisch, mithin weniger leistungsfähig. Schließlich ist das Herz so ausgeleiert, daß es funktionsunfähig wird.