Mit dem Signet W. K. F. zeichneten die Weimarer Kunstfreunde. Zwei von ihnen waren Genies, einer ein Schulmeister. Johann Heinrich Meyer hatte neben Goethe und Schiller einen schweren Stand. Trotzdem eroberte er sich als „Kunschtmeyer“ eine gewisse Autorität. Als Goethe seinen Unwillen über das romantische Treiben in Deutschland äußern, aber doch nicht direkt ein Machtwort sprechen wollte, ließ er Meyers Aufsatz „Neudeutsch religiös-patriotische Kunst“ 1817 in der von ihm redigierten Zeitschrift „Über Kunst und Altertum“ drucken. Es war das Verdammungsurteil des Klassizisten über die romantische Malerei.

Der gebürtige Schweizer, Professor am Freien Zeicheninstitut und Hofrat in Weimar, war Goethes Berater in Fragen der Bildenden Kunst und hatte bereits an den „Propyläen“ mitgearbeitet. „Wir machen Lärm: Das gegenwärtige Propyläenstück wird gewiß doppelt soviel gelesen als die vorigen. Meyer hat die Idee mit Neigung aufgefaßt, und es sind sehr wichtige Resultate zu erwarten. Er hat gestern zu seiner größten Zufriedenheit entdeckt, daß Giulio Romano zu den Skizzisten gehört. Meyer konnte mit dem Charakter dieses Künstlers bei großen Studien über denselben nicht fertig werden: nunmehr glaubt er aber, daß durch diese Enunziation das ganze Rätsel gelöst sei; wenn man nun den Michelangelo zum Phantasmisten, den Corregio zum Undulisten, den Raffael zum Charakteristiker macht, so erhalten diese Rubriken eine ungeheure Tiefe, indem man diese außerordentlichen Menschen in ihrer Beschränktheit betrachtet und sie doch als Könige oder hohe Repräsentanten ganzer Gattungen aufstellt“, so der Dichter am 22. Juni 1799.

Diese wunderliche Kunstgeschichte ist niemals vollendet worden. Gedruckt aber wurde in den Schriften der Goethe-Gesellschaft 1974 das bis dahin unveröffentlichte Lebenswerk von –

Johann Heinrich Meyer: „Geschichte der Kunst“, bearbeitet und herausgegeben von Helmut Holtzhauer und Reiner Schlichting; Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar, 1974; 462 S., 20,– DM.

Der Bogen ist weit gespannt. Von der „Ältesten Epoche der griechischen Kunst – steifer oder magerer Stil“ geht es bis zur „Verbesserung des Geschmackes durch Winckelmann und Mengs“. Es ist eine Fleißarbeit, in deren Blätter Goethe mit roter Tinte hineinkorrigierte. Im Grunde ein von Anfang an zum Scheitern verurteilter Versuch.

Wie hätte man in Weimar weitab von jedem künstlerischen Zentrum Europas ein solch ehrgeiziges Unternehmen glückhaft zu Ende führen sollen? Was für die Dichtung möglich gewesen wäre, war unmöglich für die Bildende Kunst. Hier fehlte die Gegenwart von Monumenten und Museen. So ist Meyers Kunstgeschichte eine Geschichte aus zweiter und dritter Hand, eine Verarbeitung der Kunstliteratur von Vasari bis Winckelmann, deren Werkkritik sich Goethe (mit seinen Begriffen von der einfachen Nachahmung der Natur, von Manier und Stil) zu eigen gemacht hatte. Während in Europa seit zwei Generationen die Wiederentdeckung des Mittelalters und der gotischen Baukunst in vollem Gange war, reduziert, sich bei Meyer das Kunstgeschehen zwischen Konstantin dem Großen und dem 13. Jahrhundert zur reinen Papstgeschichte. Die Architektur fehlt ganz.

Als der Autor seine Kunstgeschichte konzipierte, war das Konzept schön veraltet. Im gleichen Jahr 1832, in dem der Dichter die Augen schloß, starb auch Johann Heinrich Meyer.

Christian Beutler