Von Michael Naura

Michael Naura, Jahrgang 34, ist Leiter der NDR-Jazzredaktion. Seit mehr als zehn Jahren spielt er mit seinem Quartett vor allem in Hamburg und auf Festivals

Ein Schallplattengeschäft in Bombay im Januar dieses Jahres: vom Regal herab lächelt mild einer der feinsten deutschen Exportartikel: James Last. Japan im Herbst 1974: Mit seinem Tango-Orchester aus dem Hamburger Funkhaus entzückt Alfred Hause in der Sporthalle von Sapporo auf Hokkaido 8000 Zuhörer, von denen viele vor Rührung in Tränen gebadet dasitzen. Und schließlich: seit Jahren finden. auch in Amerika, dem Land der besten Orchester, jene in Hamburg produzierten Aufnahmen große Beachtung, die in erster Linie eine Mischung aus einem glatten Sound und einer so gut wie erloschenen Rhythmusgruppe sind, die von Bert Kämpfen. Man erinnert sich auch, daß Kämpfen allerhöchste Weihen des Showbusiness empfangen hat, denn Frank Sinatra und Nat King Cole haben einige seiner Lieder gesungen.

Die Frage ist: sind Last, Hause und Kämpfen Zeugen für die "Hamburger Szene"? Können in der Hansestadt hergestellte Produktionen mit profaner Musik, die in der Welt erstaunliche Umsätze erzielen, jene zur Zeit so modische Behauptung stützen, Hamburg sei ein wichtiger Platz für die populäre Musik unserer Tage?

Sie können es nur in dem Sinn, als diese Stadt in der Tat ein wichtiger Umschlagplatz für eine gewisse Sorte von Musik ist. Wenn man früher von Hamburgs "Pfeffer-Säcken" gesprochen hat, dann könnte man heute sagen, daß es in Hamburg inzwischen auch so etwas wie "Musik-Säcke" gibt: Menschen, die Musik in erster Linie als Ware begreifen. Wenn man jedoch den Begriff "Szene" als einen Ort definiert, von dem wichtige musikalische Impulse ausgehen, die auch über Stadtmauern und Landesgrenzen hinweg von Bedeutung sind, dann muß man feststellen, daß es eine Szene in Hamburg nicht gegeben hat und nicht gibt. Mit anderen Worten: Hamburg hat keine Musiker hervorgebracht, die an den Neuerungen im Bereich des Jazz und Pop irgendwie beteiligt gewesen wären. Einen Aufbruch zu neuen Ufern, wie ihn in den vierziger Jahren die Musiker des Bebop in New York’s 52nd Street vollbrachten, hat es in Hamburg auch nicht in der Andeutung gegeben.

Dabei mag es für die Hamburger tröstlich sein zu wissen, daß es Innovatoren von der Qualität eines Parker, Monk und Gillespie nirgends und zu keinem Zeitpunkt in ganz Deutschland gegeben hat. Jazz und Pop haben in unserem Land überwiegend nachvollziehenden Charakter. Und es sind die Musiker des neuen Jazz in Deutschland, Musiker wie der Frankfurter Posaunist Albert Mangelsdorff und der Wuppertaler Saxophonist Peter Brötzmann, die sich am ehesten aus dem amerikanischen Gravitationsfeld befreien konnten und deren eigene Sprache auch in den USA anerkannt wird. Vielleicht ist es für Hamburg bezeichnend, daß es in den letzten zwei Jahrzehnten keine einzige moderne Jazzgruppe aus dieser Stadt gegeben hat, die auch nur das Matinee-Konzert des "Deutschen Jazzfestivals" von Frankfurt erreicht hätte. Dieses Konzert ist ein wichtiges Podium für junge Talente.

So ist festzustellen, daß Hamburg vor allem Musiker beherbergt, die Oldtime-Jazz spielen, die nicht müde werden, das New Orleans der alten Tage zu beschwören. Diese Musiker haben meist Amateurstatus. Sie sind Kaufleute, Wissenschaftler, Ärzte und verfügen über recht unterschiedliche musikalische Qualitäten. Die besten Hamburger Oldtime-Bands sind allerdings so brillant, daß sie ihre Vorbilder übertreffen. Die Kopien sind sozusagen besser als das Original.