Warum soll man für Dramatik sorgen, ist sie ein Krüppel? Kunst findet statt, oder sie findet nicht statt. Wenn ein Genre von der Gesellschaft gebraucht wird, und wenn es die Gesellschaft erlaubt, es herzustellen, findet es statt. Jedes Herumorganisieren an einer Kunst stört eher. Kunst ist – und bleibt, trotz Herrn Benjamin – die Hervorbringung eines einzelnen Subjekts, welches über bestimmte Fähigkeiten und ein bestimmtes Ausdrucksbedürfnis verfügt Solche Subjekte kümmern sich kaum darum, ob irgendwo Fürsorger, Förderungsausschüsse oder sonstige Unbefugte sich mit ihnen wichtig zu machen wünschen.

Peter Hacks in einem Gespräch mit der DDR-Zeitschrift Theater der Zeit“.

Exilforschung in Not

Seitdem bekannt wurde, daß die Stockholmer Koordinationsstelle zur Erforschung der deutschsprachigen Exil-Literatur am 30. Juni 1975 ihre Arbeit einstellen werde, haben die schwedischen Forscher eine Publizität, die ihnen zu einem früheren Zeitpunkt vielleicht Mut gegeben hätte, weiterzumachen. Denn unter den drei wichtigen Gründen, die in einem Rundschreiben der Koordinationsstelle für ihren Entschluß genannt werden, lautet einer: „Das mangelnde Interesse eines Großteils der Bezieher der Berichte an „Schicksal’ und Arbeitsweise der Koordinationsstelle.“ Andere Gründe sind: mangelhafte Unterstützung durch Institute außerhalb der Bundesrepublik Deutschland und der DDR; die vergeblichen Versuche, mit Stellen in der Sowjetunion, Polen und der Tschechoslowakei Verbindung aufzunehmen und die von Joseph Strelka, einem österreichischen Germanistik-Professor in den Vereinigten Staaten, nach dem Exil-Symposion 1972 vorgebrachte polemische Kritik an der Arbeitsweise der skandinavischen Forscher, die zu Intrigen führte und mitschuldig daran ist, daß der für den Sommer vorgesehene Kongreß in Wien geplatzt ist. Als die ZEIT am 31. Januar auf den Krach in der Exilforschung einging, waren diese Hintergründe kaum zu durchschauen. Nach Einsicht in Originaldokumente sei festgestellt: Das Ende der Koordinationsstelle hat mit dem Scheitern des Wiener Symposions nichts zu tun; der Koordinationsstelle sind keine Mittel gestrichen worden; die aus zwei schwedischen und einem dänischen Forscher bestehende Leitung des Kopenhagener Exil-Symposions hat sich 1972 von der Delegation der DDR nicht erpressen lassen.

Zank um den „Nachtportier“

Horst Wendlandt rief, und alle kamen: In Wien beging der Tobis-Verleih die festliche deutschsprachige Premiere des Films „Der Nachtportier“. In einer hitzigen Pressekonferenz schaukelten sich teutonische Entrüstung der heimischen und zugereisten Kritiker sowie die suggestiven Halbwahrheiten und selbstgefälligen Pauschalurteile der Regisseurin Liliana Cavani gegenseitig hoch. Die Mißverständnisse blieben: Der Verleih hatte in der Werbung auf den Porno gesetzt, die großdeutsche Fachkritik nahm den Film als ein Stück spekulativer Vergangenheitsbewältigung, und die Regisseurin entwickelte wieder einmal ihr diffuses Koordinatensystem historischer, psychologischer und ästhetischer Argumente, das wenig mit dem Film selbst zu tun hat. In der ganzen Welt hat Liliana Cavani die rührende Geschichte einer Ex-Insassin aus Dachau erzählt, die jährlich am Grab ihres SS-Schinders Blumen niederlege – in Wien mußte sie sich sagen lassen, daß es in Dachau nie weibliche Häftlinge gab. Die Kalkulation geht dennoch auf: In über 50 Städten wird diesen Freitag „Der Nachtportier“ eingesetzt, und schon in zwei Wochen wird der Verleih ein glänzendes Geschäft gemacht haben mit einem Film, der ein halbes Jahr lang frei auf dem Markt war. Tobis machts möglich.

Besungene Umwelt