Steht Indien vor Chaos und Diktatur?

Von Harji Malik

Krise – das ist schon fast zu einem Synonym für Indien geworden. Immer schneller scheint das Land seinem Ende entgegenzutaumeln. Wird die „größte Demokratie der Welt“ endgültig vom Chaos verschlungen?

Die wirtschaftliche Situation ist ein Alptraum. In den letzten vier Jahren sind die Wachstumsraten auf den Nullpunkt gesunken. „Law and Order“, Recht und Ordnung scheinen, zumindest nach außen hin, in Indien immer noch besser zu funktionieren, als in den meisten anderen asiatischen Staaten. Doch in Wirklichkeit ist es schlechter darum bestellt als je zuvor. Immer häufiger werden politische und soziale Probleme auf die Straße getragen, die allgemeine Achtung vor der Autorität hat erschreckend abgenommen. Das zeigt sich nicht nur an den zahlreichen Zugüberfällen in abgelegenen Gegenden. Auch in den Städten steigt die Verbrechensrate unaufhaltsam. Die Ermordung des Eisenbahnministers Mishra im Dezember hat dem Land jäh zum Bewußtsein gebracht, wie weit die Dinge schon gediehen sind. Mishra war wohl der unpopulärste Mann im Kabinett; die Opposition bezichtigte ihn massiver Korruption und sein Ruf war denkbar schlecht. Zwar hatten viele das Gefühl, er schadete dem Ansehen der Regierung, solange er im Kabinett bleiben durfte. Dennoch sind die immer noch nicht ganz geklärten Umstände, unter denen er ums Leben kam, in Indien allenthalben beklagt worden. Und Ministerpräsidentin Indira Gandhi hat in ihrem Zorn seine Ermordung als „Probe“ für Aktionen, die eigentlich gegen sie gerichtet seien, bezeichnet.

Die Vertrauenskrise in Indien, die sich auf viele Bereiche erstreckt, ist fast schon zu einem Dauerzustand geworden. Aber das, was im Augenblick im Lande vor sich geht, ist nachdenklichen Bürgern Anlaß zu ernsthafter Sorge. Die Schwemme von black money – von Geld, das illegal erworben wird und nicht in den Steuererklärungen erscheint – hat einen inoffiziellen zweiten Wirtschaftskreis geschaffen und der allgegenwärtigen Korruption fast den Anstrich des Respektablen verliehen. Für viele Menschen war Mishra die Verkörperung dieser Korruption auf höchster Ebene, einer Korruption, die jeden Winkel des indischen Lebens zu demoralisieren droht, wenn es nicht doch noch zu einer moralischen Revolte an der Spitze kommt.

Eigentlich kann die Lage kaum schlimmer sein. Die Wirtschaft, von der Ölpreiskrise unmittelbar und mittelbar schwer getroffen, vermag sich kaum über Wasser zu halten. Die Rezession, ein Wort, das Neu-Delhi in seiner Vogel-Strauß-Politik immer noch nicht gebrauchen will, ist da. Eine Inflationsrate von 25 bis 30 Prozent hat einige Industrien gezwungen, Arbeiter zu entlassen; andere, wie die größten Textilkonzerne werden folgen, wenn es der Regierung nicht gelingt, die Preise für lebensnotwendige Güter herunterzudrücken. Die bisherigen Maßnahmen in dieser Richtung waren lau und haben versagt.

Diwali, das Fest der Lichter, das Neujahr der Geschäftsleute, ist Indiens wirtschaftlicher Wegweiser für das kommende Jahr. Ein üppiges Diwali, bei dem die Menschen reichlich kaufen, ist ein Zeichen für eine gutgehende Wirtschaft. Aber diesmal waren die Feiern bescheiden, ja karg. Die Leute hatten nicht einmal das Geld für die nötigsten Anschaffungen. Nur die Käufer mit „schwarzem Geld“ in der Tasche betraten die Läden.