Von Marion Gräfin Dönhoff

Amerika hat sich verändert – oder besser: die Amerikaner wirken in vieler Hinsicht verändert. Von Optimismus, Selbstbewußtsein, Autoritätsgläubigkeit, Opferbereitschaft – Eigenschaften, die früher so charakteristisch schienen – sind nur noch Spuren wahrnehmbar; jedenfalls wenn man die Ostküste besucht. Der hervorstechende Eindruck, der einem heute nach einem Besuch von vierzehn Tagen bleibt, ist die Lust an der Selbstzerfleischung, ein gewisser Masochismus, das Vergnügen am Schwarzsehen und Kritisieren.

Und noch etwas: Nie zuvor, so schien mir, ist das jüdische Element so stark in den Vordergrund getreten – sowohl im offiziellen wie im akademischen Bereich. Dies ist nur insofern bemerkenswert, als zu befürchten steht, daß sich daraus angesichts der Situation in Israel – die immer neue materielle Opfer von den Bürgern Amerikas fordern wird – eines Tages eine Welle, des Antisemitismus entwickeln könnte.

Der alles andere überdeckende Eindruck aber ist: Jeder ärgert sich über jeden – der Präsident über den Kongreß, der Kongreß über die Exekutive; Jackson über Kissinger, Kissinger über Schlesinger, die liberalen Ökonomen über das konservative Establishment: Burns, Greenspan und Simon, die ökonomischen Drahtzieher des Präsidenten, wie es heißt, die angeblich aus Angst vor der Inflation nichts gegen die Arbeitslosigkeit tun. Während ihre flotten Kritiker der Meinung sind, Inflation gibt es sowieso, laßt uns wenigstens die Arbeitslosigkeit beseitigen. Die Gründe für diese allgemeine Verärgerung sind entweder politischer oder wirtschaftlicher Natur: Entweder wird die Entspannung für alles verantwortlich gemacht oder Inflation und Arbeitslosigkeit.

Manchem freilich verbindet sich beides zu einer Kausalkette. So meinte Mr. Goldfinger, ein führender Gewerkschafter von der AFL/CIO: „Die Inflation hat 1972 begonnen; damals, als das dubiose Getreidegeschäft mit der Sowjetunion abgeschlossen wurde, das als Grundlage für die Entspannung dienen sollte. Damals wurden die Preise so in die Höhe getrieben, daß die Leute immer mehr bezahlen mußten und immer weniger dafür bekamen.“ Auf dieses Argument stößt man häufig. Der Ärger über den weit unter Preis erfolgten Verkauf von 18 Millionen Tonnen Getreide an die Sowjets sitzt tief. Er fegte die Läger im Lande leer, so daß schließlich der Nachfrage kein Angebot mehr gegenüberstand und darum die Preise für Brot und Fleisch um 80 Prozent stiegen.

Ein trauriges Kapitel