München

Gutsituierter Jungunternehmer, sportlich, sucht für Partys und noch lustigere Feten auf seiner Motorjacht ein bis zwei hübsche Mädchen.“ Dieses eindeutige Inserat stand am Beginn, einer lustvollen Kreuzfahrt. Sie endete jetzt im Münchner Justizpalast, weil der Kreuzverkehr zwischen einem dicklichen Playboy und zwei ahnungsvollen Gespielinnen auf dem Riff weiblicher Ränke zerschellt ist. Wegen fortgesetzter Vergewaltigung und sexueller Nötigung sowie Körperverletzung und Freiheitsberaubung mußte sich der 39jährige Gebrauchtwagenhändler, Ex-Rennfahrer und „Ladykiller“ Franz Johannes Esser verantworten. Das Gericht hatte in der nüchternen Gesetzesatmosphäre pikante Fragen zu beantworten: Wie freiwillig verlief ein angekündigter „munterer Dreier“? Welche Zerreißproben muß ein lilafarbenes Bikini-Höschen aushalten, um als corpus delicti für rohe Gewalt anerkannt zu werden?

Zwar wurden derartige Fragen zumeist unter Ausschluß der Öffentlichkeit diskutiert, doch die vorwiegend älteren Männer und Frauen der täglichen Zuschauertruppe marschierten an jedem Verhandlungsmorgen pünktlich um neun vor dem Gerichtssaal 10 auf, um wenigstens mit dem Ohr an der Wand den Prozeß verlauf zu verfolgen. Eine Rentnerin hatte sich deshalb schon ein neues Hörgerät angeschafft, und eine Freundesclique für den „Sex-Jacht-Prozeß“, der gewiß jeden „Schulmädchenreport“ übertrifft, ein paar Tage Urlaub genommen. Die Ansicht des seit Kolle sexuell aufgeschlossenen „Volkes“ vor dem Gerichtssaal über die beiden Klägerinnen, die Sekretärin Renate K. (27) und die Sportlehrerin Erika B. (43), schwankte zwischen „dumme Gänse“ und „arme Hascherl“. Drinnen jedoch versuchte Richter Kramer die Klagen der beiden Frauen, die die Einladung zum eindeutigen Jachtausflug freiwillig angenommen hatten, juristisch zu bewerten.

Am Anfang ist die Situation noch recht übersichtlich: Am 21. Juli 1974 waren die drei bei Gala Galera, 150 Kilometer nördlich von Rom, an Bord der Autohändler-Jacht geklettert, sinnvollerweise auf den Namen seiner Frau Gerti getauft. Nach Ansicht des finanzkräftigen Rolls-Royce-Besitzers war allen Beteiligten klar, „daß hier kein Rosenkranz gebetet werden sollte“. Stolz berichtete der 1,72 Meter kleine Geschäftsmann mit Hängebauch und Maßkleidung dem Gericht von den ersten Stunden des Bordlebens. Schon beim Kofferverpacken habe es ihn und die Sekretärin überkommen. Da war etwa vom zünftigen Dreier die Rede, dessen Grad der Freiwilligkeit bei den Beteiligten bereits unterschiedlich bewertet wird.

Der weitere Verlauf der „lustigen Fete“ im Thyrrenischen Meer mißfielen jedoch der Sportlehrerin so sehr, daß sie, mit einer Abschiedsohrfeige des Herrn Esser versehen, sehr bald Leine zog. Zudem fühlte sie sich verkannt: Sie wollte nur als „nautische Fachkraft mit Schiffsführerpatent“ angeheuert haben. So blieb nur die schwarzhaarige Sekretärin an Bord. Zwar habe sie nächtelang nur geweint und sich ansonsten meistens passiv verhalten, doch auf die Frage von Richter Krämer, warum sie nicht auch eine Ohrfeige riskiert habe, um verschwinden zu können, wußte Renate K. nach einem stärkenden Schluck Wasser nur die Antwort: Sie habe sich allein gefürchtet in dem fremden Land. „Wo ich doch kein Italienisch spreche.“

Die unzufriedenen Kreuzfahrerinnen verdroß überdies die zusätzliche Deckarbeit: Abwasch, Plankenschrubben und Fensterputz. Ein zärtlicher Liebhaber und aufmerksamer Bordkumpel war der Mini-Playboy gewiß nicht. Als Philosophiestudent hatte er einst die lichten Höhen einer Intelligenzler-Karriere angestrebt, jetzt aber mußte er die gefährlichen Klippen einer sehr bodenständigen Anklage umschippern. Dabei warf ihm Renate K. ungewollt den Rettungsring zu: Franz Esser habe sich am letzten Tag gegen sie und für eine gute Mahlzeit entschieden. Ob sie denn; „gewollt“ hätte, fragt Richter Krämer, auf Wahrheitsfindung bedacht, süffisant. „Natürlich nicht, wo ich doch meine weiße Hose anhatte. Wie hätte ich da ausgeschaut.“

Danach sah sich Staatsanwalt Walter Hofmaier nicht mehr in der Lage, seine Anklage wegen Vergewaltigung aufrechtzuerhalten. Am Montag dieser Woche sprach Richter Kramer sein Urteil: Die Liebe kostet nichts, die Ohrfeige allerdings 10 000 Mark Geldstrafe. Der früher schon wegen Notzucht vorbestrafte Franz Johannes Esser freilich hat nach Rücksprache mit seiner großzügigen Frau Gerti („Wir führen eine moderne Ehe“) bereits eine Lehre aus der Affäre gezogen: „Ich fahre nie mehr mit Mädchen, die ich nicht genau kenne.“ Brigitte Zander