Die Pelikan-Werke in Hannover verordneten Kurzarbeit, um Lager abzubauen. Der unerwartete Effekt: Es wurde noch mehr produziert.

Die Günther Wagner Pelikan-Werke in Hannover, ein führender Hersteller von Büro-, Schul-, Vorschul- und Kinderbedarf beantragte vom 8. November des vergangenen Jahres bis zum 3. Januar 1975 Kurzarbeit. Für die rund 1500 der 3350 Beschäftigten in den Werken Hannover und Vöhrum bei Peine begann in diesen Wochen schon am Donnerstag abend das Wochenende.

Offiziell wurde der Antrag auf. Kurzarbeit, damit begründet, daß der Absatz von Konsumartikeln und Bürobedarf nicht den Planungen entspreche. Es zeigte sich jedoch, daß sich die Arbeiter und Arbeiterinnen an den vier verbleibenden Arbeitstagen der Woche so sehr anstrengten, daß sie bei einigen. Artikeln – unter anderem Kugelschreibern und Filzstiften – bis zu 18 Prozent mehr als in der Fünftagewoche produzierten.

Die unerwartete Mehrleistung, die der Absicht der Unternehmensleitung zuwiderlief, wurde vor allem von denjenigen gewerblichen Arbeitnehmern vollbracht, die ihre Arbeitsgeschwindigkeit selbst bestimmen konnten. Zur Produktionssteigerung trugen einmal meßbare Ursachen bei: Die kurzen Erholungspausen wurden nicht mehr genutzt, die vorgeschriebenen Arbeitszeiten wurden streng eingehalten, der – Krankenstand ging zurück.

Seit Pelikan im Januar für einen Teil der Belegschaft zur Dreitagewoche überging, kehrten die Arbeiterinnen zudem montags nach vier freien Tagen noch ausgeruhter als vorher an ihre Arbeitsplätze zurück. Dort lastete auf ihnen der emotionale Druck, so wird im Werk vermutet, „durch demonstrative Leistungsbereitschaft den Anspruch auf Arbeit zu untermauern“. Rücksichtnahmen auf Kollegen, die dem forcierten Arbeitstempo der verunsicherten Beschäftigten nicht folgen: konnten, entfielen: ein in der Zwangslage geborener Anschauungsunterricht für die Unternehmensführung über Kapazitätsreserven.

Das offensichtliche Fehlen von Solidarität unter den Kurzarbeitenden kommentierte ein leitender Angestellter von Pelikan: „In solchen Streßsituationen zerplatzt der Mythos vom Kollektiv.“

ot