Münster

In Münsters Kneipen besangen die Narren bei sauren Heringen und grauen Erbsen das Ende der Karnevalssession: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“ Diesmal aber hatten sie zu früh gesungen. Die Narretei hatte ein Nachspiel. Heinrich Tenhumberg, Bischof von Münster, teilte beim traditionellen „Aschermittwoch der Künstler“ öffentlich Schelte aus: „Haben es gerade westfälische Karnevalsvereine nötig, mit, Zoten, Anzüglichkeiten und primitiven Belästigungen religiöser Überzeugungen und Gefühle Freude vorzutäuschen?“

Münsters Narren waren betroffen., Der bischöfliche Seitenhieb galt Rudi Grevsmühl, bislang beliebtester Büttredner. Bei der „Karnevalsparade ’75“ hatte er als „Stänkerfritze“ nicht nur die überfüllten Besse der Stadtwerke sondern auch die Kirche aufs Korn genommen. Anstoß nahm Bischof Tenhumberg vor allem an einem Jesus-Witz (siehe Kasten). Und als die Büttrede dann auch noch im Dritten Fernsehprogramm des WDR ausgestrahlt wurde, fanden auch andere Karnevalisten die Bischofschelte berechtigt. Ronny Schnitker, Präsident des Bundes Westfälischer Karneval und Präsidiumsmitglied des Bundes Deutscher Karneval: „Auch Narrenfreiheit ist kein Freibrief.“ Und Peter Steingaß, Präsident des „Bürgerausschusses zur Förderung des münsterischen Karnevals“: „Wenn ein Wort raus ist, kann man es nicht zurückholen – das ist ja das Widerliche!“

Ronny Schnitker will sogar schon vor der Karnevalsparade Rudi Grevsmühl gesagt haben: „Laß diese häßlichen Sachen doch raus, das hast du doch gar nicht nötig.“ Doch Grevsmühl stänkerte trotzdem vor 3000 Münsteranern in der Halle Münsterland in voller Länge. Ronny Schnitker, seit Jahren um „sauberen Karneval“ bemüht, ging angeblich sofort in die „zweite Instanz“. Er habe, so Schnitker, Fernsehregisseur Franz’ Barrenstein gebeten, den Jesus-Witz herauszuschneiden. Doch Grevsmühl Auftritt flimmerte komplett über den Bildschirm.

Grevsmühl kann sich an die Ermahnungen seiner Karneval-Kollegen ebensowenig erinnern wie Franz Barrenstein. Bischof Heinrich Tenhumberg machte sich deshalb zum Sprecher empörter Münsterländer und strafte sowohl den Büttredner als auch den WDR mit öffentlicher Kritik: „Der Auftrag Gottes ist kein Freibrief zur Ausbeutung.“ Einen Tag nach Tenhumbergs Schelte beschäftigte sich sogar der WDR-Programmbeirat mit dem karnevalistischen Zwischenfall. Er war sich, so Beiratsmitglied Theo Fritzen aus Münster, nach mündlicher Berichterstattung in der Beurteilung der Sendung einig: „Sie würde als unmöglich und die religiösen Gefühle verletzend bezeichnet.“

Rudi Grevsmühl aber, plötzlich das schwärze Schaf des münsterischen Karnevals, rätselt jetzt über die Grenzen der Narrenfreiheit. Er nimmt für sich in Anspruch, bei der Pointenauswahl „päpstlicher als der Papst“ gewesen zu sein. „Was hab ich denn für ein Interesse daran, die katholischen Kirche, die Katholiken oder sonstwen zu beleidigen?“ Bestätigung für seine Ansicht holte er sich bei einem evangelischen Theologen. Der aber, so der gescholtene Narr, habe nur gelacht. Wolfgang Schemann