In das geologische Altertum der Erde stößt jetzt bei Wolfsburg eine Bohrgruppe vor und betritt damit gleichzeitig auch technisches und geologisches Neuland. Bis in eine Tiefe von sieben Kilometern soll der Bohrmeißel in die Erdkruste eindringen und die rund 300 Millionen Jahre alte Devon-Formation erreichen. Es ist der bisher größte Bohrversuch in der Bundesrepublik; außer im Bereich wissenschaftlich technischer Erkenntnisse hoffen die Initiatoren des Unternehmens „Vilpke-Asse“ auch mit Erdgas fündig zu werden. 440 Tage sind veranschlagt.

Bevor im 53 Meter hohen Stahlskelett-Turm das Bohrgestänge zu rotieren begann, wurden einige tausend Sprengladungen in Mini-Bohrlöchern gezündet und deren Schallwellen nach Reflexion an den geologischen Schichtgrenzen von Geophonen aufgefangen. Für jede Sprengung – im Fachjargon „Schuß“ – wurden zum Auffangen der Impulse etwa 3500 Geophone installiert.

Zum ersten Male in der bundesdeutschen Erdgasexploration kam zum Aufspüren des aussichtsreichsten Bohrturm-Standortes eine relativ neue Variante der Reflexionsseismik zur Anwendung. Das mit der Messung beauftragte Unternehmen Prakla-Seismos (Hannover) vermaß mit Hilfe der dreidimensionalen Seismik (3-D-Verfahren) die untersten Stockwerke der geologischen Formationen nicht nur längs einer Meßlinie, sondern immer gleich in mehreren hunden Meter breiten Streifen.

Das mit der 3-D-Aufnahmetechnik ermittelte Datenmaterial lieferte außer dem Hinweis auf mögliche Lager von Erdgas den geologisch zugemein Informationen über den geologisch ungemein interessanten Untergrund zwischen Harz und Flechtinger Höhenzug. Nach den bisherigen üblicherweise von Aufschluß-Bohrungen wird üblicherweise mit einer Erfolgs-Quote von 12 bis 14 Prozent gerechnet; mit ziemlicher Sicherheit sind die Chancen auf „Gashöffigkeit“ niedriger als diese Rate.

Auch auf der technischen Seite des Projektes gibt es noch eine Menge von Unwägbarkeiten. Im Bohrgeschäft wurde in der Bundesrepublik und in der DDR zwar bereits einige Male die 6000-Meter-Marke erreicht oder überschritten – zur Zeit wird beim bayerischen Miesbach in diesem Bereich geteuft der Sprung auf 7000 Meter oder sogar noch weiter aber wird von den Bohrexperten der Wintershall-AG deshalb längst nicht als Routine angesehen. Einen Vorgeschmack auf mögliche Komplikationen erhielten sie bereits in der ersten Woche des Bohrens. Harter Muschelkalk machte drei Stoßdämpfer reparaturbedürftig, nach gut 450 Meter Tiefe betrug, die Abweichung des Gestänges von der Senkrechten etwa 2 1/2 Grad. Mehr als 200 Temperaturgrade müssen nach rund 6500 weiteren Metern verkraftet werden. Um die Kräfte deutlich zu machen, die bei einer solchen Bohrlochtiefe auf den Bohr-Strang wirken, wurde bei der Lagebesichtigung folgender Vergleich gebraucht: „Stellen Sie sich eine sieben Meter lange Stecknadel vor, die außerdem noch hohl ist!“

Zehn Firmen unter Federführung der Deutschen Schachtbau- und Tiefbohrgesellschaft (DST), darunter fast alle mit Erdöl oder Erdgas befaßten Unternehmen, schlossen sich für „Vilpke-Asse“ zu einem Konsortium zusammen. Rund 20 Millionen Mark sind veranschlagt, davon trägt der Bund die Hälfte. Kurt Trettner