Mit Wucherstrafzinsen wehrt sich Bern gegen die Divisenflut

Den Bankiers zur Freude, den Hoteliers zum Verdruß wurde der Schweizer Franken zur inzwischen härtesten Währung der Welt: Binnen dreier Jahre stieg der Kurs des Frankens gegenüber dem weich gewordenen Dollar um rund die Hälfte, gegenüber der sehr viel härteren Deutschen Mark immerhin noch um mehr als zwölf Prozent. Immer häufiger blieben deshalb Schweizer Hotelbetten, weil für ausländische Urlaubsgäste zu teuer geworden, leer. Immer ungestümer strömte andererseits ausländisches Geld, auf der Suche nach Stabilität und Sicherheit, auf die Konten der eidgenössischen Banken.

Seit Anfang des Jahres, vor allem im Verlauf des Januars, registrierte die Schweizerische Nationalbank einen gewaltigen Zufluß an Devisen, die in den Schweizer Franken drängten. Da die eidgenössische Notenbank am Devisenmarkt nicht intervenierte, also keine Dollar mit neu gedruckten Frankenscheinen kaufte, wurde der Franken auf dem Devisenmarkt knapp und entsprechend teuer. Als dann der Dollarkurs in Zürich, der wichtigsten Finanzdrehscheibe des Landes, unter 2,50 Franken sank, schlug Professor Leo Schürman, einer der drei Generaldirektoren der Nationalbank, über direkte Leitung nach Bern beim Schweizer Kabinett Alarm. Regierung und Notenbank waren gewillt, das Abbröckeln der amerikanischen Währung beim Kurs von 2,50 zu stoppen, um unerwünschte Einflüsse auf die schweizerische Wirtschaft zu vermeiden.

Die Verordnungen waren längst vorbereitet. Der Schweizerische Bundesrat, Wie die Bundesregierung in Bern offiziell heißt, verkündete noch am selben Tag eine „Verordnung über die Stillegung von Schweizerfranken-Erlösen aus Interventionen am Devisenmarkt“ und eine Änderung der „Verordnung über Maßnahmen gegen den Zufluß ausländischer Gelder“, die schon am 20. November 1974 erlassen worden war.

Die neue Verordnung über die Stillegung ermächtigt die Notenbank, jene Schweiz’erfrankenbeträge auf Sperrkonten gutzuschreiben, die sie aufwenden muß, um währungspolitisch notwendige, Interventionskäufe am Devisenmarkt zu finanzieren. Dadurch sind die schweizerischen Handelsbanken gezwungen, ausländische Devisen, die sie ankaufen, aus ihren jeweiligen Kassenbeständen zu finanzieren. Gleichzeitig wird verhindert, daß die auf diese Weise neu geschaffenen Schweizerfranken in Umlauf kommen und die Notenbankgeldmenge vergrößern, was dem Programm der Regierung zur Bekämpfung der Inflation, die 1974 immerhin auf den Preissteigerungssatz von 7,6 Prozent schrumpfte, zuwiderlaufen würde.

Die Änderung der „Verordnung gegen den Zufluß ausländischer Gelder“ bestand darin, den Strafzins, der Ende November auf maximal drei Prozent je Quartal festgesetzt worden war, auf zehn Prozent im Vierteljahr zu erhöhen: Alle Devisenausländer, die nach dem 31. Oktober 1974 Gelder in die Schweiz verlegt haben, müssen also einen Strafzins von 40 Prozent im Jahr zahlen.

Wer am 1. November zu einer Schweizer Bank mit einer Million Dollar kam und diese in Schweizerfranken umgewandelt hat – zum Kurs von 2,87 –, der hat zwar an jenem Tage auf seinem Schweizerfrankenkonto 2,87 Millionen Franken gutgeschrieben erhalten, aber er wird, wenn er sein Geld ein halbes Jahr später wieder abheben will, nur noch 2,296 Millionen Franken in Dollars umwandeln können, weil er 574 000 Franken Strafkommission hat bezahlen müssen. Erst wenn der Dollarkurs auf 2,29 absinken würde, bekäme der Kunde trotz des zwanzigprozentigen Strafzinsen wieder seine volle Million Dollar zurück.