Begonnen hatte er mit dem spektakulärenJuso-Kongreß von 1969 in München. Damals wendeten sich die Juso-Theoretiker von der weltanschaulichen Pluralität des Godesberger Programms ab. Seither galt ausschließlich das Bekenntnis zur marxistischen Theorie und Praxis, die über die Debattierstationen von Bremen. (1970), Hannover (1971.) und München (1974) zur alleingültigen Grundlage ausgewalzt worden ist. In Hannover wurden die "Thesen zur politischen Ökonomie und Strategie" verabschiedet, nach denen die Bundesrepublik "vom Grundwiderspruch aller kapitalistischen Gesellschaftsordnungen geprägt" sei, wobei der Staat im Dienste des "monopolbestimmten Kapitalismus" stehe und SPD wie Gewerkschaften "den weiteren Aufbau sozialistischer Gegenmacht behindern". Die "Doppelstrategie" sollte deshalb der systemüberwindenden Praxis dialektisch auf die Sprünge helfen: Die Jusos wollen zugleich in diesen und gegen diese Organisationen arbeiten.

Ebenso konsequent stehen am Ende deshalb das Bekenntnis zum Klassenkampf, die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie, das von: vielen angestrebte Bündnis mit kommunistischen Parteien sowie die, organisatorische Verselbständigung. Vor einem Jahr beschlossen die Jusos in München, daß eine "von der Basis her organisierte demokratische Interessenvertretung"die Voraussetzung sei "für eine Entfaltung der Klassenkämpfe", nachdem Juso-Vorstandsmitglied Johano Strasser inwilden Streiks endlich die Möglichkeit gesehen hatte, "an konkrete Klassenkämpfe anzuknüpfen". In einem Beschluß der Frankfurter Jungsozialisten zur hessischen Landtagswahl gelten deshalb folgerichtig "parlamentarische Mehrheiten" nicht als "das entscheidende Kriterium für die Durchsetzung politischer Vorstellungen".

Hybris und Heilsgewißheit

Noch deutlicher artikulierte die Juso-Langzeitkommission, daß der künftige Staat der Arbeiterklasse "nicht die alte parlamentarische Struktur des bürgerlichen Staates haben" könne. Beharrlich verstoßen deshalb Jusos gegen den Abgrenzungsbeschluß der SPD gegenüber den Kommunisten. Auf ihren Kongressen in Bremen (1970) und pberhausen (1972) beschlossen sie die Zusammenarbeit mit kommunistischen Parteien. Das Vorstandsmitglied Heinz Hawreliuk erklärte im Fernsehen, er würde eine Koalition mit der DKP, sollte sie eines Tages im Bundestag vertreten sein, "für fortschrittlicher halten als zum Beispiel eine Große Koalition".

Hybris und Heilsgewißheit kennzeichnen die Programmatik der marxistischen SPD-Linken. Ihre organisatorische Verselbständigung spiegelt die parasitäre Existenz wider, die einige Juso-Genossen innerhalb der SPD so lange pflegen wollen, bis sie entweder durch den natürlichen Alterungsprozeß die Parteiorganisation gänzlich in ihren Händen haben oder aber sich als eigene; sozialistische Partei freischwimmen können.

Bislang schon sind sie gegenüber den drei anderen SPD-Arbeitsgemeinschaften (Frauen, Arbeitnehmerfragen, Selbständige) bevorzugt – durch eigene Finanzmittel, Zeitschriften, Schulungsarbeit und eigenständigen Wahlkampf. Obendrein haben sie im vorigen Jahr bundesweit Richtlinien für eine eigene Personalpolitik und für Kandidaturen verabschiedet. Danach sollen Jusos künftig innerhalb der SPD nur noch dann kandidieren, wenn sie von der Juso-Basis vorgeschlagen werden, wenn mehrmals ein Mandat für sie erreichbar ist und für die eigenen Vorstellungen innerhalb der zu wählenden SPD-Gremien sich Mehrheiten bilden können. Grup-Dendisziplin steht danach höher als Parteiloyalität.Seither freilich sind die Jungsozialisten unter Druck geraten. Zunächst nahm der fränkische SPD-Bezirksvorsitzende Bruno Friedrich die Personalrichtlinien zum Anlaß, mit der Juso-Riege "endlich einmal zum Zahnarzt zu gehen". Bei der SPD-Bundesschiedskommission ließ er in einem Statuten verfahren prüfen, ob sich Jungsozialisten gegenüber der eigenen Partei auf Beschlüsse ihrer Arbeitsgemeinschaft berufen können, um die Willensbildung der Gesamtpartei zu unterlaufen. Die Schiedskommission, letzte Rechtsinstanz der SPD, gab Friedrich in allen Punkten recht. Die SPD könnte seither offizielle Erklärungen wie Einzeläußerungen von Jung-Sozialistenuntersagen und somit das Erscheinungsbild nach außen vereinheitlichen.

Das für die SPD so desolate Jahr 1974 mit Kanzlerwechsel, Wahlverlusten und wirtschaftlichen Turbulenzen hat die Jungsozialisten vollends in die Isolierung getrieben. Die Drohgebärde von Ex-Juso Wolfgang Roth im SPD-Vorstand ("Wenn das so weitergeht, gibt es die Spaltung") wirkt hilflos; ebenso die Verunglimpfung des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt (Heidemarie Wieczorek-Zeul: "Es ist überhaupt, nicht klar, was an seiner Politik sozialdemokratisch ist"). Gleichwohl ist die abträgliche Wirkung bei den Wählern nicht ausgeblieben. Sogar der Parteivorsitzende Willy Brandt wurde da aus seinerLethargie gerüttelt. Angesichts massiver Stamokap-Gruppen, die auf dem letzten Juso-Kongreß zum erstenmal die SED-Doktrin vom staatsmonopolistischen Kapitalismus in der Bundesrepublik zur erklärten Doktrin der Jungsozialisten durchboxten, formulierte er: "Einzelne sind in der falschen Partei gelandet." Zwar wiegelte SPD-Vize Heinz Kühn ab und ortete nur einige "linke Spinner". Aber der Gegenschlag gegen die linke Spinnerei konnte nicht ausbleiben.