Von Heinz Ludwig Arnold

Annäherungen an Hans Henny Jahnn und sein Werk verliefen bislang zumeist widerspruchsvoll. Figur und Werk luden dazu ein: „monströs“, „erratischer Block“, „zerklüftetes Wortgebirge“, „monumental“, „Athletentum“, „Mausoleum“ – das waren pseudokritische Begriffe, leere Zentnerworte, die für beides standen, für Ablehnung und Annahme, Hymnus oder Vernichtung. Die Kritik toleriert, aber kritisiert nicht; sie lobt, aber unterscheidet nicht; sie vernichtet, ohne verstanden zu haben.

Dieser Kritik ist Jahnns Werk seit über fünfzig Jahren ausgeliefert. Das ist auch nicht anders geworden nach Erscheinen einer neuen Ausgabe seiner gesammelten Werke –

Hans Henny Jahnn: „Werke und Tagebücher in sieben Bänden“, mit einer Einleitung von Hans Mayer, herausgegeben von Thomas Freeman und Thomas Scheuffelen; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 1974; 7 Bände, zusammen 4540 S., 98,– DM.

Dabei gäbe es nach der Publikation wesentlicher Tagebücher, durchaus neue Einstiegsmöglichkeiten für die Kritik. Nur müßten sich die Kritiker der Mühe unterziehen, die Komplexität Jahnns, ausgehend von den Tagebüchern, durch das ganze Werk hin zu begreifen und zu vermitteln. Vielleicht reichen die üblichen Kategorien der Kritiker für Jahnn nicht aus. Wenn aber alles, was mit diesen Kategorien nicht meßbar wird, unter den Tisch fällt, solcher „Abfall“ jedoch so groß ist, daß er Kritiker ins Zweifeln drängt, dann ergibt sich leicht Respekt: als Eingeständnis von Unzulänglichkeit oder als Feigheit vor dem ganz und gar Andersartigen. Als Ausweg bleibt das globale Verdikt, sei es positiv oder negativ.

Gewiß ist, daß diese Zeit für das Werk Jahnns kein Sensorium entwickelt. Aber nichts ist so geschichtlich vermittelt und gebunden wie ein künstlerisches Werk, wie Literatur; und nichts ist ebenso geschichtlich bestimmt und bedingt wie die Wirkung eines Werks. Es ist demnach falsch, Jahnn als einen unzeitgemäßen Autor zu bezeichnen; es ist unrichtig, ihn in frühere geschichtliche Zeiten zurückzuversetzen, etwa ins Barock. Warum? Wegen seiner enormen Sprachschwelgereien, seiner totalen Antinomien, seiner heidnischen Religiosität? Es gibt Kritiker, die so verfahren. Für sie ist Kunst, die sich schlecht einpaßt, oft ein Gegenstand, dem sie sich wertfrei nähern können, während sie bei unmittelbar politisch-geschichtlich intendierten Werken gerade diese Tendenz verurteilen.

Hans Henny Jahnns Werk gehört ins 20. Jahrhundert, weil der ihm immanente Notschrei („Es ist, wie es ist, und es ist fürchterlich nur eine Reaktion auf dieses Jahrhundert ist, so wie er es seit seiner frühesten Jugend begriffen hat. In dieses frühe Jahrhundert gehören nicht nur der Erste Weltkrieg, nicht nur die kompakte Bürgerlichkeit des niedergehenden Wilhelminismus, sondern auch die – allgemeiner vermittelte – Starre der Jahnnschen Familie, die der überströmenden Liebessehnsucht des ungeliebten, ungewünschten Hans Henny aus eigenem Unvermögen keine Richtung zu weisen vermochte. Die Beschränktheit menschlicher Institutionen hat Jahnn zuerst und am nachdrücklichsten in der eigenen Familie erfahren. Die Ausbruchsversuche aus der Familie nehmen den Ausbruch aus der Gesellschaft paradigmatisch vorweg; er gelang nur zeitweise, nur zum Teil.