Von Wolfram Siebeck

Immer wieder einmal stellt jemand die Frage, ob Hitler, der dem Radio nachweislich so viel Einfluß und Erfolg verdankte, ob der Größte Feldherr aller Zeiten auch mit dem Medium Fernsehen eine Chance gehabt hätte. Die diese Frage stellen, neigen fast immer dazu, sie zu verneinen. Als bisher letzter Fragesteller führt Golo Mann in der Süddeutschen Zeitung das Beispiel des amerikanischen Senators McCarthy an, dem das Fernsehpublikum nach einer Serie von Bildschirmauftritten die Sympathie entzog.

Ich habe McCarthy nie gesehen, kenne überhaupt den Fall McCarthy nur aus zweiter Hand. Dagegen ist mir Hitler noch einigermaßen vertraut, von den Politikern der gegenwärtigen bundesdeutschen Szene ganz zu schweigen. Und deshalb möchte ich behaupten: Hitler hätte sehr wohl eine Chance. Im Vergleich zur heutigen Bildschirmprominenz sogar einen gewissen Vorsprung. Denn man muß doch davon ausgehen, daß nicht das, was er sagte, durch die Optik des Fernsehens ein anderes Gewicht bekommen hätte, sondern seine Art zu reden und seine Mimik, also seine Erscheinung ganz allgemein. Mit anderen Worten, er hätte ein schauspielerisches Anti-Talent gewesen sein müssen, ein physiognomisches Monstrum, um die Deutschen davon abzuhalten, NSDAP zu wählen. Das war er aber ganz und gar nicht, jedenfalls nicht im Vergleich zu den politischen Entertainern von heute. Denn ehrlich – wo sind sie eigentlich besser als der schnurrbärtige Österreicher: unsere schwammigen Volksvertreter, die langweiligen Nöler und die polternden Choleriker, die spießigen Genossen aus Nordrhein-Westfalen und die arroganten Herren aus Niedersachsen? Wie will man die große Sympathie für Willy Brandt erklären, wenn man ihn nur an seinen Fernsehauftritten mißt? Seine entsetzlich langsamen und langweilig formulierten Monologe wären der Ruin jedes Provinztheaters. Wieso hat ein Mann, der so aussieht und so redet wie Strauß, überhaupt die geringste Chance, im politischen Leben eine Rolle zu spielen?

Beim Fernsehen geht es eben, allen Talk-Shows zum Trotz, nicht immer um Selbstdarstellung. Deshalb möchte ich annehmen, daß Senator McCarthy die Gunst der Amerikaner nicht verlor, weil ihm vor der Kamera der Geifer aus dem verzerrten Mund flog, sondern weil seine öffentlich geäußerten Vorstellungen von Demokratie nicht mit denen der Zuschauer übereinstimmten. Mit Hitler aber stimmten damals, wer wollte es leugnen, die meisten Deutschen überein. Und deshalb hätte das Fernsehen seine Chancen höchstens verbessern können. Zu allem Überfluß hatte er nämlich auch noch blaue Augen! Man wird sich fragen müssen, ob ein Farbfernsehen, wenn es das damals gegeben hätte, auf eine so telegene Person überhaupt hatte verzichten können. Da höchstens lag die Chance, Hitler doch noch um die politische Wirkung zu bringen: Als größter Tagesschausprecher aller Zeiten hätte er die Herzen der deutschen Frauen ebenso hochschlagen lassen können wie als Reichskanzler – ohne damit gleich einen neuen Weltkrieg heraufzubeschwören. Vielleicht würde man heute, im Zeitalter der Nostalgie, Ausschnitte aus alten Tagesschauen zeigen: Hitler verliest den Wetterbericht, Hitler verkündet die Lottozahlen; "Mein Kampf" wäre im Starnberger Schulz-Verlag herausgekommen. Wer dann aufs Dritte Programm umschaltete, galt als Widerstandskämpfer. Wie heute.