Entgegen allen Behauptungen: auf Deutschlands Straßen nimmt die Zahl der Toten und Verletzten ständig zu – die Richtgeschwindigkeit war ein Reinfall

Von Ferdinand Ranft

Seit einem Jahr machen wir uns etwas vor. Eingelullt durch mißverständliche oder gar irreführende Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes und der Nachrichtenagenturen, glauben die meisten Bundesbürger, auf Deutschlands Straßen sei alles in bester Ordnung, gingen die Unfallzahlen ständig zurück. Genau das Gegenteil aber ist der Fall. Seit der Ölkrise und der Aufhebung der Geschwindigkeitsbeschränkungen am 15. März 1974 nimmt die Zahl der Toten und Verletzten auf Deutschlands Straßen in einer Weise zu, daß selbst frühere Tempolimitgegner schlaflose Nächte haben. Allein auf den Autobahnen stieg die Zahl der Verkehrstoten von März bis November 1974 um 150 Prozent. Und der aufgeschreckte ADAC rechnet in einer bisher noch nicht veröffentlichten Prognose für das Jahr. 1975 mit über 17 000 Verkehrstoten, das sind rund 1000 mehr als 1973 und rund 3000 mehr als im Vorjahr.

Wie konnte es zu dieser fatalen Fehleinschätzung der Lage kommen? Das Statistische Bundesamt ist daran nicht unschuldig. Monatlich veröffentlicht es die Zahlen über die Unfälle im Straßenverkehr. Dazu teilt es jeweils die Vergleichszahlen für den entsprechenden Monat des Vorjahres mit. Im April 1974 konnte das Statistische Bundesamt folglich völlig korrekt mitteilen, daß gegenüber dem April 1973 die Zahl der Unfälle mit Personenschaden um 6,4 Prozent zurückgegangen sei, für die Monate Januar bis April 1974 sei sogar ein Rückgang von 14 Prozent gegenüber dem entsprechenden Zeitabschnitt des Vorjahres zu verzeichnen.

Ein Blick auf unsere Tabelle macht aber sofort klar, daß diese Information überhaupt nichts darüber aussagt, daß im Vergleich zum letzten Monat mit Tempolimit, dem Februar 1974, die Zahl der Toten auf Autobahnen im April 1974 um über 100 Prozent gestiegen war, daß andererseits der günstige Vergleich Frühjahr 1974 gegen Frühjahr 1973 ausschließlich auf das Tempolimit zurückging, das ja inzwischen längst aufgehoben war.

Der Trend fiel unter den Tisch

So ging es Monat für Monat weiter, weil in der Tat die absoluten Zahlen des Jahres 1974 immer noch etwas günstiger als die des Jahres 1973. waren. Der rasant ansteigende Trend aber fiel einfach unter den Tisch. Selbst die Nachrichtenagenturen wurden ein Opfer dieser Fehlinformation; noch am 30. Januar meldete Associated Press in völliger Verkennung der Lage: "Die Verkehrsunfallstatistik der Bundesrepublik, in der die Zahl der Unfälle mit Personenschaden und Toten seit der Ölkrise an der Jahreswende 1973/74 ständig rückläufig war, hat im November erstmals einen Knick bekommen." Und der Wiesbadener Kurier, der die Meldung abdruckte, verstärkte den falschen Eindruck noch durch die Überschrift "Erstmals wieder Anstieg der Unfallzahlen".