Von Benjamin Henrichs

Vielen galt er lange als der "größte lebende Theaterregisseur" – heute ist er gerade für die Leute, die solche Ehrentitel zu verleihen pflegen, nur noch ein Objekt der Verwunderung: Peter Brook, der die Royal Shakespeare Company und ihre Virtuosen verlassen hat, um’sich in Paris mit einer Gruppe junger Schauspieler aus verschiedenen Ländern zu jenem geheimnisvollen Unternehmen "Centre International de Recherches Théätrales" zusammenzutun. Brooks freiwilliger Abschied vom Weltruhm und den großen Spektakeln, sein Bedürfnis, nicht mehr mit hochtrainierten Profis zu arbeiten, sondern mit Leuten, die diese Art Professionalität nie erreichen werden, seine Weigerung, der Theaterwelt in regelmäßigen Abständen ihre Shakespeare-Sensation zu verschaffen – das alles paßt überhaupt nicht in die hergebrachte Dramaturgie einer Regisseurskarriere, die gewöhnlich vom Werkraum in die großen Häuser, von armen Anfängen in die Opulenz, von der Neugier zur Repetition führt. Brook hat diesen, den üblichen Weg der Korrumpierung (den sein Kollege Strehler im eleganten Geschwindschritt durcheilt hat) nicht gehen mögen – auch auf die Gefahr hin, daß seine Flucht in die Askese für die Pragmatiker des Theatergewerbes nichts anderes ist als eine Flucht in pubertäre Gruppenromantik.

Als Brooks Leute vor ein paar Monaten "Timon von Athen" vorzeigte, war das Erstaunen groß – auf all die Geheimnistuerei folgte eine gänzlich geheimnislose Theaterarbeit, eine so intelligente, wie karge, dem Text fast demütig folgende Nacherzählung eines Klassikers. Mit-"Les Iks", seiner neuen Arbeit, ist dem "Centre International" etwas ungleich Spannenderes, weil Radikaleres gelungen: ein Theaterspiel, das sich weiter als alle, die mir bisher begegnet sind, entfernt von einem Theater der Sensationen und Schaustellereien; ein Theater, das mit fast keinen Mitteln fast kein Stück erzählt; ein Theater der einfachsten Vorgänge.

Vorgeführt werden ein paar Elementarszenen aus dem Leben und Verenden eines afrikanischen Stammes – der Ik. Die Ik leben in einem Berg-– land Ugandas, nahe – der Grenze zum Sudan. Früher waren sie ein Jägervolk – als man ihr Gebiet zu einem Nationalpark machte ihnen das Jagen verbot, verelendeten sie rasch. Mit dem von der Regierung verordneten Leben von Ackerbauern fanden sie sich nicht zurecht; ihr ganzes soziales Gefüge brach auseinander, ihre Solidarität zueinander hörte auf, die Familien zerfielen; und als der Hunger kam, begann ein erbarmungsloser Kampf aller gegen alle. Colin Turnbull, ein. englischer Ethnologe, hat zwei Jahre lang bei den Ik gelebt, hat dann ein Buch über ihren unaufhaltsamen Untergang publiziert; Colin Higgins und Denis Cannan haben daraus eitlen anspruchslos-simplen Theatertext gemacht – und Peter Brook gat dieses "Stück" als Spielvorlage für seine Gruppe benutzt. Am Anfangder Aufführung schütten die Schauspieler Erde auf den Bühnenboden, streuen Sand darüber, legen ein paar Steine hin; später bauen sie aus Holzstöcken eine Hütte: Das ist das ganze Bühnenbild. Ein Bühnenbild ist freilich der Theaterraum selbst: Das Théâtre des Bouffes du Nord mit seinen aufgeplatzten, verwitterten Wänden sieht wie eine verwüstete Landschaft aus.

Ein Theater der einfachsten Vorgänge – Essen, Laufen, Arbeiten, Sterben heißen seine Themen. Und, auf ganz unaufwendige Weise, ein Spiel mit Körpern. Zu lernen ist, an zahllosen Einzelbeobachtungen, wie sich die Ik, wie sich Hungernde bewegen: in einem schlendernden, schleppenden Gang, an dem noch ein paar Reste von animalischer Eleganz zu erkennen sind, der aber längst müde und unterwürfig geworden ist.

Wenn die Ik eine Hütte bauen, so tun sie auch das in zeitlupenhafter Trance – was früher sicher ganz spontan passierte, geschieht nun freudlos, träge, melancholisch. Wenn ein Ik stirbt, wenn die anderen ihn begraben (indem sie Steine auf den toten Körper legen), so sind auch dies Vorgänge von lapidarer Sachlichkeit – eine Erschöpfung kommt an ihr Ende, eine Bewegung, ein Körper hört auf.

Ich habe noch nie Schauspieler gesehen, die den Tod so simpel und so ernsthaft dargestellt haben – so weit weg von allen Theaterroden (und dem artistischen Selbstgenuß dabei). Man kann nur ahnen, wieviel Beobachtung, wieviele Körperstudien nötig waren, um diese so schweigsame Körpersprache zu entwickeln, um in jeder Situation den einen Ausdruck zu finden, der alle anderen überflüssig macht. Gemessen an der ungeheuren, aufwandlosen Konzentration dieser Theaterspieler wirkt selbst Jerzy Grotowskis armes Theater wie geschwätziger, spätexpressionistischer Schwindels.