Ich will heute von der Gefährlichkeit der kleinen Redensarten sprechen. Nirgends resigniert die Öffentlichkeit schneller und leichter als im Bezirke des Geistes und der Kunst. Die Gleichgültigkeit gegenüber allen kulturellen Angelegenheiten ist heute nicht nur in Deutschland, sondern fast überall festzustellen. Ja mehr noch: Man rühmt sich offen, von der Behauptung des Geistes nichts mehr wissen zu wollen. Man wechselt Charakter und Weltanschauung schneller als das Hemd – und erfindet dafür schleunigst indologische Motivierungen. Man ist zynisch genug, die geistige Stumpfheit und Gleichgültigkeit mit gedanklichen Formulierungen zu untermauern. Primitivste Schlagworte nehmen plötzlich weltanschauliche Bedeutung an. Man sagt etwa: „Wir haben andere Sorgen“ oder: „Das Leben ist schon schwer genug“ oder: „Das Hemd ist uns näher als der Rock.“

Diese an sich völlig harmlosen Redewendungen, die in jeder Zeit, bei vielen Gelegenheiten ausgegeben wurden, Gebräuchlichkeiten, kleine Wortmünzen, Sätze, die man wie Pfennige zur Hand hatte, kleine Banalitäten im volkstümlichen Jargon, die jeder Mensch, auch der intellektuelle, als geistiges. Kleingeld benötigt, diese Wortpfennige bekommen plötzlich die Goldmünzen-Bedeutung einer Weltanschauung. Einer, wie es heißt, vernünftigen Weltanschauung, einer Weltanschauung, die mit den Gegebenheiten rechnet. Schlechte Zeiten? Also weg mit dem Luxus von Geist, Wissenschaft und Kunst! Wir sind Praktiker. Wir kennen das Leben.

Aber gerade diese sogenannte praktische, diese sogenannte vernünftige, diese mit den sogenannten Gegebenheiten rechnende Weltanschauung hat die Gefahr der äußersten Willensschwäche, der äußersten Bequemlichkeit in sich. Diese Nüchternheit des Bekenntnisses kann die Verschwommenheit des Charakters, diese scheinbar scharfe und klare Begrenzung der Einsicht, die Erweichung des Willens zur Folge haben. Denn hinter den Sätzen vom Erreichbaren, vom Möglichen, vom Gegebenen, die einen festen und männlichen Klang haben, wenn sie von Leuten ausgesprochen werden, die auf lange Sicht und mit einem festen, zielsicheren Plan denken und arbeiten, hinter diesen Sätzen kann sich auch jeder Philister der – Augenblickskonjunktur und jeder Sekundenspießer verbergen. Die nüchterne, mit den präzisen Gegebenheiten rechnende Weltanschauung kann sowohl ein revolutionäres wie ein reaktionäres Prinzip sein. Ein revolutionäres, wenn sie den Einsatz der materiellen und psychologischen Möglichkeiten in den Dienst einer die Welt ändernden Arbeit stellt. Ein reaktionäres, wenn sie damit nur den Mangel an Einsatz und Verantwortung vertuschen und nicht nur jeden geistigen Angriff abblasen, sondern sogar den Willen zur Verteidigung als unwichtig hinstellen und damit schwächen will. In bezug auf die Kunst scheint sie mir heute ein reaktionäres Prinzip zu sein. Denn sie liefert nicht nur jedem Maulhelden und genügsamen Spießer die Möglichkeit, sich ideologisch ohne Verbindlichkeiten einzudecken, sondern sogar dem geistig Beweglichen und Lebendigen jede Entschuldigung für jede Nachgiebigkeit. Es gibt nichts Gefährlicheres für den Willen eines Mannes, als wenn man ihn als Narren und Träumer hinstellt. „Ach ja der, der hat seinen Sparren, die Verschrobenheit kennen wir.“ Nur so ist, der Defaitismus zu erklären, der heute gerade die Geistigen und, Künstler in Deutschland befallen hat. Es ist ja doch alles umsonst. Wozu regen wir uns auf? Es lohnt sich nicht? Schlimme Weisheit! Es lohnt sich.

Wenn man einmal nachdenken wollte, könnte man wahrscheinlich feststellen, daß es für nichts so viel Sprichwörter und Phrasen gibt wie dafür, das Beharren, die träge Ruhe, die Teilnahmslosigkeit zu erklären und liebenswert Zu machen. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – damit kann man jede subalterne Ergebenheit, jede Untertanengeste entschuldigen. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ – Jahrhunderte von verpaßten Gelegenheiten, Jahrzehnte politischer Tatenlosigkeit und geistiger Genügsamkeit erhalten hiermit ihre Legitimation. Es ist erstaunlich, wie viele Sprichwörter es in Deutschland gibt, die den Willen lähmen, Zufriedenheit markieren. „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ – der Sinn liegt zu nah, als daß man ihn besonders erwähnen müßte. Aber selbst ein Wort wie „Morgenstunde hat Gold im Munde“, ein scheinbar tätiges, anstachelndes, anfeuerndes, Wort, ist im Grunde eine idyllische, behagliche, philisterhafte Redensart. „Morgenstunde hat Gold im Munde“: Steh nur früh auf, dann wird alles schon werden, erhebe dich rechtzeitig, dann kann es nicht fehlen, sei pünktlich, dann befriedigst du deinen Vorgesetzten,, und der Lohn wird nicht.ausbleiben.

Es ist nicht kleinlich und überflüssig, diese Redensarten auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen. Sie laufen heute noch um, Kinder einer philiströsen Zeit, und zeugen wieder Philister. Sie werden nicht ernstgenommen und beschweren doch das durchschnittliche Denken. Ist es glaublich, daß fast, der ganze Sprichwörterschatz, den wir ohne nachzudenken im Munde führen, daß alle diese kleinen Redensarten heute von Spießern für Spießer erdacht scheinen und deshalb abzuschütteln sind? Wer es noch nicht glaubt, der lasse sich noch andere Beispiele aufzählen, der suche selbst weiter und prüfe selbst nach. Da gibt es ein Sprichwort: „Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land.“ -Vielleicht ist es einmal gedacht und angewandt worden als ein Sinnspruch der Höflichkeit. Welche gefährliche Schlauheit aber, wenn man das Wort weiter denkt: Man läßt sich treten, man läßt sich hinauswerfen, aber man bleibt demütig mit dem Hute in der Hand. Diese patriarchalischen Sprichwörter haben ihren Sinn verloren. Aber immer noch werden sie in einer harten, nicht mehr patriarchalischen Zeit angewandt und umnebeln die Gedanken und schläfern sie ein.