Von Dietrich Strothmann

Berlin, im Februar

Frieda Rühmke, Rentnerin, aus Berlin 46, wünscht sich "einen geruhsamen Lebensabend". Darum wählt sie Liste 7. Dr. Herbert Lüers, aus Berlin 33, ehemals Rektor der Freien Universität, wählt ebenfalls Liste 7, weil sich die dort placierte Partei am "konsequentesten gegen den linken Meinungsterror an den Hochschulen und gegen die politische Kriminalität wendet". Die Partei der Liste 7 ist der jüngste Berliner Wahlverein – der Bund Freies Deutschland.

In seinem Abzeichen bilden die Initialen BFD drei Säulen des Brandenburger Tores. Er will es, könnte er es nur, aufmachen: Freiheit für Deutschland, die DDR inklusive. Eine Träumerpartei also, nicht mehr. Für ein paar Zehntausend am nächsten Sonntag vielleicht sogar eine Traumpartei – für Rentner wie Frau Rühmke, für Professoren wie Herrn Lüers und für alle jene Verängstigten, Unzufriedenen, die laut BFD-Parolen die "Nase voll haben", die für Würde sind und gegen den sittlichen Verfall, dagegen, daß Berlin "eine Stadt wie jede andere ist" und die SPD das "gleiche Polit-Kauderwelsch wie Kommunisten faselt".

Eine Partei mit Zukunft also, mit Männern gar, die im Rathaus Schöneberg mitregieren könnten? Weit gefehlt. Der BFD, letzten Mai zum 25. Jahrestag des Blockade-Endes mit Hilfe der Dauertrommler Axel Cäsar Springer und Gerhard Löwenthal als Sammlung aus der Taufe gehoben, sodann im Oktober mit Beistand von Franz Josef Strauß als Partei in die Berliner Wahlschlacht geworfen, ist vor allem eine Bewegung der alten oder der glücklosen Männer: Ernst Scharnowski, 78, ehemaliger DGB-Chef, ist der angegraute Vorsitzende, nicht mehr als ein ramponiertes Aushängeschild. Er beruft sich oft und gern auf Ernst Reuter. Professor Max Pfender, 67, ehemals Präsident der Bundesanstalt für Materialprüfung, ist der Landesschatzmeister und Kandidat, der im Wahlspot dafür warb, daß ein Volk "gescheit und fleißig" sein müsse. Und dann all die SPD-Enttäuschten, die zumeist erst nach Jahrzehnten des persönlichen Wohlbefindens und der politischen Aktivität selbst für Bonns Ostpolitik und Gesellschaftsreformen das Lager wechselten: Walter Jaroschowitz, damals nacheinander Juso-Chef, Stadtrat, geschäftsführender Vorsitzender und Wahlkampfmitorganisator, jetzt geschäftsführender Bundesvorsitzender; Lothar Meyer, früher Stadtrat in Wedding, nun. Geschäftsführer; Karl-HeinzDrogula, vorher Mitglied des Abgeordnetenhauses, nachher Vize-Vorsitzender des BFD.

Können sie Vertrauen wecken, Wähler mobilisieren, Stimmen fangen? Den Mund haben sie während des Wahlkampfes recht voll genommen, täglich dazu noch von der Springer-Presse ermuntert, mit Geld aus der Schatulle des Großverlegers und, Anzeigenserien in seinen marktbeherrschenden Produkten. Als "Partei für Deutschland" empfahl sie sich, die ein "Signal für die schweifende Mehrheit" setzen wollte; in einem "Berliner Manifest", einem Programm und einem Wahlprogramm, jeweils schwarz-rot-gold umrandet, propagierte sie, die Zeit sei reif, ein Wechsel überfällig, es dürfe so nicht weitergehen. Es wimmelte nur so, in schwarzgemalten Tönen, von Appellen an Ehrlichkeit und Opfersinn, gegen die "Linksideologen, die unser demokratisches Haus abbrechen", gegen die Sozialdemokratie, von der "jeder zweite Abgeordnete ein Radikaler" sei; gegen die FDP, die "wie die SEW nicht ins Abgeordnetenhaus" gehöre; sogar gegen die CDU, die einfach zu schlapp sei. Berlins Bündische wollten den Berlinern weismachen, die Weichmacher bedrohten die Stadt – sie, die Angstmacher vom Dienst, das letzte Aufgebot der selbsternannten aufrechten Rechten.

Unfair ist es – wie es Karikaturisten bereits genüßlich taten –, die BFD-Kameraden mit der Stirntolle und dem Oberlippenbärtchen eines Adolf Hitler zu zieren. So rechts sind sie denn doch nicht. Die unverdrossenen Sypathisanten der in Berlin von der Wahl ausgeschlossenen Nationaldemokratischen Partei immerhin wissen nun, wo sie ihr Kreuz malen können, abgesehen von verblendeten Rechts-Sozialdemokraten, verwirrten Nationalliberalen und verstockten CDU-Konservativen. Den Nörglern vom BFD werden sie dennoch nicht über die Hürde der fünf Prozent helfen können.