ARD, Dienstag, 18. Februar: „Familienbetrieb mit 64 Stück Milchvieh, Kreis Flensburg 1973“; Freitag, 21. Februar: „Drei Treckerfahrer, ein Melker und ihre Frauen, Kreis Herzogtum Lauenburg 1973“ von Klaus Wildenhahn

Klaus Wildenhahn, ein extremer,ein fast einzigartiger Fall unter unseren Filmemachern, ist schon seit Jahren dabei, seine Zeitgenossen die Ernüchterung zu lehren. Er ist, in verschiedenen Bereichen, aber mit genau abgrenzbarer Arbeitsmoral, damit beschäftigt, seinen Zuschauern etwas von der bundesdeutschen Wirklichkeit vor-Augen zu führen. Im zweiteiligen Film „Die Liebe zum Land“ ist es die Wirklichkeit-des Lebens der Bauern und Landarbeiter. Gefilmt hat er (mit Gisela Tuchtenhagen und Thomas Hartwig) zwar (1973) in Schleswig-Holstein, bei Flensburg und im Herzogtum Lauenburg. Aber sein Film hat mehr als nur regional-unterrichtende Gültigkeit. Er zeigt, daß zwischen der schablonenhaften Vorstellung vom Landleben und der Realität eine ärgerliche Diskrepanz gesteht, und das gewiß nicht nur im deutschen Norden.

Es hat schon immer Kompromisse gegeben zwischen Spiel und Dokumentation, Scheinsynthesen und Vermanschungen, zum Beispiel in jüngster Vergangenheit die dubiose Gattung der „halbdokumentarischen“ Spielfilme und filmischen Biographien, im Fernsehen und im Kino. Ein Mann wie Wildenhahn, der Dokumentarfilmer des NDR, hat der Vermanschung den Kampf angesagt. Er geht an seine realen Objekte mit aggressiver Nüchternheit heran. Er kultiviert die „Montage in der Beobachtung“. Die Inspiration kommt von den beobachteten Objekten, Menschen vor allem, im Augenblick des Beobachtens. Er läßt sich beim Drehen durch keinerlei vorher festgelegte Konzepte gängeln, läßt sich von keinem Drehbuch entscheidende „Befehle“ erteilen. Wildenhahn ist kein „Arrangeur“, der den Bauern, Melkern und Treckern Vorschriften macht oder auch nur Anregungen gibt, wie sie sich vor. der Kamera zu verhalten haben. Ein wesentlicher Teil seiner Regiearbeit besteht darin, die Menschen, die zu Partnern der Filmer werden, in den Zustand der Natürlichkeit, ihrer spezifischen Ungezwungenheit, Körperhaltung, Gestikulation, Sprache zu versetzen und ihre Bedürftigkeit und Unzulänglichkeit zu zeigen.

Wildenhahns Ergebnisse: unverfälschte, desillusionierende Bilder deutscher Wirklichkeit, ohne die verzerrenden Momente subjektiver Meinungen und Kommentare. „Es war ebenso ihr (der Gefilmten) Film, wie es unser Film war“, sagt Wildenhahn, guten Gewissens. Ein Kuhstall ist, was er in Kulturfilmen vergangener Jahrzehnte fast nie war, ein Kuhstall, und er ist zuweilen nicht einmal ausgemistet. Sein Abbild im Film ist nüchtern; entromantisiert, ihm ist jede ästhetische Absicht, jedes „Parfüm“ genommen...

Es ist ein besonnener Aufklärungsfilm, und seine Filmer sind engagiert, erregt und manchmal wörtlich atemlos hinter einer Erscheinung her, die so sehr banal und doch oft auch sehr kapriziös ist, wenn sie gefaßt werden soll: hinter der Wirklichkeit. Wir erfahren nicht indirekt, wir werden Zeugen der Situation: daß der Bauer Petersen mit seiner Familie um die Existenz erbittert kämpfen muß, um konkurrenz- und lebensfähig zu bleiben; daß die Landarbeiter in der Bundesrepublik auf der untersten sozialen – Stufe stehen. Was hält sie noch, wo es doch einen unaufhaltsamen Umschichtungsprozeß in der Landwirtschaft gibt, an der heimatlichen Scholle? Warum flüchten sie nicht in die Industrie der Städte? Emotionen sind im Spiel, Tradition, Anhänglichkeit.

Wildenhahn, der vor seinen Objekten sachlich bleibt bis zu fanatischer Selbstentäußerung, der keinen Formalismus duldet, kein l’art pour l’art, will mit seiner Arbeit natürlich was erreichen: Veränderung gesellschaftlicher Zustände. Ein Moralist ist er, wie seine Vorläufer oder Gesinnungsgenossen, wie Wertow, Flaherty, Grierson, Bossak. Seine Filme, frappierende Meisterstücke des Dokumentierens, sind wie Ausnüchterungszellen. Wer mit dem Nebel der Romantik, mit der Illusion sozialer Gerechtigkeit hineingeht, kommt nach ein paar Stunden ganz schön verändert, wieder heraus: klarer und heilsam ernüchtert. René Drommert