Über zwei Millionen Beschäftigte sind arbeitslos oder Kurzarbeiter.Doch der Wirtschaftsminister versucht, wieder Optimismus zu Verbreiten.

Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs hat sie schon am Horizont gesehen, die Schwalben nämlich, die zwar auch noch keinen Sommer machen, aber den Frühling immerhin ahnen lassen. Nun verkündet er seine Entdeckung landauf und landab, damit sich wieder Optimismus ausbreite. Denn ohne das Prinzip Hoffnung vermögen auch Milliardenspritzen zur Ankurbelung der Wirtschaft wenig. Unternehmer und Verbraucher müssen auch daran glauben, daß sie wirken.

Einen neuen Boom wagt allerdings auch Friderichs nicht anzukündigen. Ein Wachstum der wirtschaftlichen Leistung um zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr erscheint ihm bereits als kühnes Ziel. Vorbei sind die Zeiten, in denen reale Zuwachsraten von sechs oder gar acht Prozent möglich waren. In Zukunft komme es eben mehr auf ein qualitatives statt auf ein bloßes quantitatives Wachstum an, tröstet Friderichs seine Zuhörer, und überläßt es jedem von ihnen, sich darunter vorzustellen, was er mag.

Wenn vom Ausland keine ernsthaften Störung gen kommen – und das, ist angesichts der Krise in den USA (siehe Seite 30) leider nicht selbstverständlich –, könnte in einigen Monaten der Tiefpunkt durchaus überwunden sein. Auch wenn eine Rückkehr zur gewohnten Vollbeschäftigung noch lange auf sich warten lassen wird, so ist doch zumindest ein Abbau der gegenwärtigen Rekord-Arbeitslosigkeit spätestens Mitte des Jahres zu erwarten.

Im Augenblick sind die Aussichten dafür jedenfalls weit günstiger als noch vor drei Wochen. Die Tarifabschlüsse in der Metallindustrie und im öffentlichen Dienst haben bewiesen, daß die Gewerkschaften Augenmaß und Verantwortungsbewußtsein besitzen und ihr Teil dazu beitragen wollen, um die gegenwärtige Krise zu überwinden. Die Maßlosigkeit des vergangenen Jahres, die vor allem die ÖTV und den Beamtenbund zum Buhmann der Nation gemacht haben,weil beide ihre Verbandsmacht ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl ausgespielt haben, hat sich diesmal nicht wiederholt. Das zeigt, daß die deutschen Gewerkschaften eine Macht innerhalb der Gesellschaft sind, mit der man rechnen muß, auf die man im Ernstfall aber auch zählen kann.

Dies wiegt um so,schwerer, als zur gleichen Zeitdie Gewerkschaften in England eindringlich bediesen; daß Arbeitnehemerorganisationen heute jeder Regierung auf der Nase herumtanzen können – auch bei wachsender Arbeitslosigkeit. Die britischen-Bergarbeiter haben gerade unter Bruch des mit der Labour-Regierung geschlossenen Sozialkontraktes Lohnerhöhungen zwischen 28 und 35 Prozent durchgesetzt. Dadurch haben sie „Englands rasendes Preis-Lohn-Karussell“ (Neue Zürcher Zeitung) in noch schnellere Drehungen versetzt.

Auch in der Bundesrepublik hat es Auswüchse in der Lohnpolitik gegeben; Doch die Rückkehr zu einer gemäßigten – und realistischen – Einkommenspolitik ist gelungen, ohne daß es dafür besonderer Gesetze oder anderer staatlicher Eingriffe bedurfte hätte. Trotz wachsender Arbeitslosigkeit und einer Inflationsrate, die um sechs Prozent pendelt, kam es nicht zu unerträglichen sozialen Spannungen, zu Unruhen oder Streiks.