Ein seltener Fall von authentischem Kino: Paul Gégauff, langjähriger Drehbuchautor Claude Chabrols seit „Schrei, wenn du kannst“ (1959), stellt mit seiner Ex-Ehefrau Daniele nach eigenem Buch unter Chabrols Regie die Geschichte seiner Ehe dar. Bis auf einen fiktiven Schluß halten sich die zwei Ich-Darstelleran die tatsächliche Entwicklung ihrer Beziehung.

Die französische Kritik hat das einen Fall von unerträglichem Masochismus und Exhibitionismus genannt, eine peinliche Mixtur aus Karikatur und Ernst, Zynismus und Romantik, Melodrama und Psychodrama. Da verraten sich Betroffenheit, Abwehr: Gégauff ist ein Ekelpäket von so bewundernswerter Rigorosität, er porträtiert einen spezifisch romanischen Typ Mann so präzise und dekuvrierend, daß die giftigen französischen Verrisse an manche deutsche Reaktion auf den teutonischen Stänkerzwerg Alfred („Ein Herz und eine Seele“) erinnern.

Der Titel „Une Partie de Plaisir“, etwas unglücklich mit „Ein lustiges Leben“ (und vom ARD-Fernsehen, das ihn im Winter bringt, gar „Eine Lustpartie“) übersetzt, ist so gallig und satirisch gemeint wie einst Agnes Vardas thematisch verwandter Film „Le Bonheur“ (Das Glück). Französische Bourgeoisie, nicht so vermögend wie in Chabrols früheren Filmen oder bei Buñuel, sondern Künstler, Intellektuelle: ein Hauch von Boutiquen-Progressivität und „rive gauche“, modisches Geschwätz, „Bärte, Phrasen, Mao, Che, ‚Mein Kampf‘“; das feudale Landhaus, in dem Paul und Danièle mit ihrer kleinen Tochter leben (auch sie eine authentische Gégauff) und in das sie ihre Freunde zu Partys einladen, ist nur gemietet.

Paul: ein viriler Popanz von abgetakelter Attraktivität und einem etwas schmierig gewordenem Charme, ein Egozentriker, der ewig nur belehrt, bewertet, befiehlt. Danièle: verschlossen; bescheiden, ihrem still bewunderten Mann völlig ergeben – ein im Grundeunselbständiger Mensch, der seine freiwillige Unterwerfung für Geborgenheit und Glück hält.

Abends vorm Fernseher doziert Paul über die Langeweile der Gewohnheit. Jedes Paar wetzt sich ab mit der Zeit, erklärt er seiner verstörten Frau, außerdem sei für ihn ein Abenteuer wie ein Glas Wein, eine Zigarette, also ohne Bedeutung. Generös fordert er sie auf, es ihm gleich zu tun: „Für uns ist das kein ,Betrügen‘.“ Und, von einerunglaublichen autoritären Arroganz noch in der Attitüde des liberalen Mannes: „Ich gebe dich frei.“

Verwirrt läßt sich Danièle also in eine erste Affäre schubsen, aber nach der zweiten Party verteilt sie bereits die Partner: Du die, ich den – okay? Und sie setzt den-Umzug nach Paris durch, nimmt einen Job an, versetzt Paul immer häufiger, emanzipiert sich und distanziert sich von ihm in dem Maße, wie sie in einemKreis jüngerer Freunde Liebe und Anerkennung findet.

Paul verkraftet das nicht. Er betrinkt sich, verhöhnt sie und denunziert ihre Freunde, tobt und brüllt, stellt Bedingungen, schlägt und erniedrigt Danièle. Bei einem anderen Mädchen ist er prompt impotent, er wird immer gereizter und aggressiver. Er ist das wahre Opfer: der verletzten männlichen Eitelkeit, seines bürgerlichen Besitzdenkens, des maskulinen Erfolgszwangs (statt erfolgreicher Charmeur wäre er viel lieber braver Ehemann, Vater und Gärtner). Ein hilfloses, erbärmliches, Wrack, flüchtet, er in eine Ehe (wobei der Zuschauer erfährt, daß er mit Danièle nie verheiratet war) und kann am Ende seine Verzweiflung und seinen Haß nur noch in blinder brutaler Gewalt ersticken. Zynisch ausgedrückt: Daniele unterliegt physisch und siegt moralisch.