Von Felix Hirsch

Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. – Für wenige deutsche Politiker unseres Jahrhunderts gilt dieser Satz aus dem Prolog zu Schillers Wallenstein mehr als für Friedrich Ebert, den ersten Präsidenten der Weimarer Republik. Fünfzig Jahre sind seit seinem Tod am 28. Februar 1925 vergangen, aber noch immer können sich die Historiker nicht über seinen Platz in der deutschen Geschichte einigen.

Auf der einen Seite diejenigen, die seine großen Verdienste um den Aufbau der deutschen Demokratie nach dem militärischen Zusammenbruch von 1918 würdigen, auf der anderen jene, die ihn aus der Perspektive von 1933 und der darauffolgenden Epoche sehen und die Wurzeln des Unheils in seiner Amtszeit suchen. Theodor Heuss nannte Ebert bei der Bonner Feierstunde anläßlich seines 25. Todestages, den „Abraham Lincoln der deutschen Geschichte“ und urteilte über ihn und seine Mitstreiter: „Sie standen im Zwielicht und in der Leidenschaft zerwühlter Jahre, selber Bändiger der eigenen Leidenschaft und Männfer der eigenen Gestaltung. A Hier wachte und wirkte das rechte Maß und die echte Kraft.“ Doch auch ein anderer Satz ist häufig zitiert worden; ein Satz aus dem Buch des Princeton-Historikers Carl Schorske über die deutsche Sozialdemokratie 1905–1917: „Farblos, kühl, entschlossen, fleißig und streng praktisch^ besaß Ebert alle jene Eigenschaften, die ihn, mutatis mutandis, zum Stalin der Sozialdemokratie machen sollten.“

Wie ist es möglich, daß Ebert so unterschiedlich bewertet wird? Sicherlich läßt sich das teilweise auf die Tatsache zurückführen, daß der größte Teil von Eberts Nachlaß nicht erhalten geblieben ist. Noch zwei Monate vor ihrem Tode versicherte mir seine Witwe, daß im Zweiten Weltkrieg alle Papiere Eberts, die noch in Familienbesitz waren, verloren gegangen seien; auch alles Bildmaterial sei verbrannt. Dieser Mangel an Material ist besonders spürbar in den deutschen biographischen Arbeiten über Ebert aus der Nachkriegszeit. Selbst, die drei besten von ihnen – die Studien von Georg Kotowski, Waldemar Besson und Peter-Christian Witt – lassen manches zu wünschen übrig.

„Ebert ist Süddeutscher.“ So beginnt eine kurze autobiographische Skizze, die der Reichspräsident in der dritten Person niederschrieb. Nicht ohne Grund stellte er diese Tatsache obenan; sie erklärt manches in seiner Persönlichkeit. Der preußische Stil der Hohernzollern-Herrscher, besonders des letzten, blieb ihm fremd. Während Wilhelm II. noch am 9. November 1918 davon träumte, König von Preußen zu bleiben, war es Eberts Hauptanliegen zu jener Zeit, die Einheit des Reichs zu bewahren.

In der Pfaffengasse zu Heidelberg, nicht weit von der alten Universität, steht das Haus, in dem Ebert geboren wurde. Es ist ein bescheidener Bau, und die Wohnung, die die Schneidermeister Karl Ebert mit seiner rasch wachsenden Familie innehatte, war sehr eng. Der junge Fritz ging, zum Sattler ausgebildet, als Siebzehnjähriger auf die Wanderschaft. Nirgends hielt es ihn lange; die, Polizei war hinter dem jungen sozialistischen Agitator her. Erst in Bremen fühlte er sich heimisch, hier konnte er viele seiner Gaben entwickeln. Er wurde Redakteur am Parteiblatt, Wirt der von den Genossen frequentierten Gastwirtschaft (wobei ihm seine junge Frau sehr half), Arbeitersekretär und schließlich Mitglied der Bremer Bürgerschaft.

Seine politische Grundhaltung war gemäßigt; er war Realist, kein „Revisionist“. Die Parteileitung wurde bald auf ihn aufmerksam. 1905 wurde er als Sekretär in den Vorstand der SPD gewählt. Dort konzentrierte er sich mit wachsendem Erfolg auf organisatorische Arbeit; immerhin hatte die Zahl der Parteimitglieder schon vor dem 1. Weltkrieg eine Million überschritten: Die Genossen vertrauten Ebert: als Nachfolger August Bebels wurde er 1913 mit überwältigender Mehrheit zum Parteivorsitzenden neben Hugo Haase gewählt. Schon im Jahre zuvor war er in den Reichstag eingezogen, allerdings stand er hier zunächst im Schatten Philipp Scheidemanns.