Von Eduard Neumaier

In neun Monaten Amtszeit als Innenminister ist der Name Werner Maihofer nur zweimal in vieler Munde gewesen, einmal davon, ohne eigenes Zutun. Beide Male kam er ohne löblichen Anlaß ins Gerede: Daß er, der jahrelang aktiver Sportler und an manche Niederlage gewöhnt war, sich wie ein trotziger Bub weigerte, dem Rivalen Hans Friderichs zum Erfolg bei der Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der FDP zu gratulieren, befremdete sogar seine Freunde. Daß Bundeskanzler Schmidt ein halbes Jahr nach Amtsübernahme jovial-herablassend bescheinigte, der Kollege Maihofer arbeite sich in ein schwieriges Ressort ein, war sozusagen die öffentlich ausgestellte Unfähigkeitsbescheinigung eines Chefs für einen Angestellten. Maihofer schien das gleiche Schicksal wie Erhard Eppler zu drohen, der sich mit Schmidt überworfen hatte und aus dem Kabinett ausgeschieden war.

Die Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft ÖTV, dem Angstgegner der Politiker, haben der Öffentlichkeit ein neues Maihofer-Erlebnis gebracht, das verborgen gebliebene Züge feines Bildes offenlegt. Manche hatten diese Verhandlungen gefürchtet, weil sie von der Begegnung Maihofers mit Heinz Kluncker – Schachspieler konfa Pokerface, Cellist gegen Posaunist – eine neue Niederlage der Politik erwartet hatten. Maihofers Freunde und Mitarbeiter hofften jedoch auf diese Runde, weil sie sicher waren, daß dem Minister in ihr sein Durchbruch gelinge.

Maihofer hat bewiesen, daß er auch ohne das gewohnte Schema verhandeln kann, nach dem beide Seiten, von extremen Maximalforderungen ausgehend, sich pünktlich in der Mitte treffen. Es war seine Idee, ein erstes Signalangebot zu machen (schön provokativ über fünf Prozent) und dem Kontrahenten das zweite als zugleich letztes, nur in sich variierendes anzukündigen. Die Taktik hat sich ausgezahlt: Mit 6,48 Prozent Tariferhöhung im öffentlichen Dienst wurde die Sparmarge der Bundesregierung eingehalten.

Der Minister verhandelte freilich unter Idealbedingungen. Er lief gewissermaßen mit starkem Rückenwind. Die Kassenlage verbot Generosität, das Kabinett war eisern entschlossen, und die öffentliche Meinung war mit dem Minister und gegen Kluncker. Maihofers Erfolg war demnach nicht nur selbst verdient, und die Frage, ob er ein guter Innenminister, ja überhaupt ein guter Politiker sei, ist auch nach dem Stuttgarter Durchbruch nicht endgültig beantwortet.

Manches, Was einen im gängigen Sinne „echten“ Politiker ausmacht, fehlt ihm – so etwa die Einsicht, daß es zwar von Vorsicht zeugt, wenn man „von 500, ja tausend Möglichkeiten in diesem Amt, auf die Nase zu fallen“, alle ausläßt, aber daß Vorsicht an sich! kein Verdienst ist. Die Republik hat einen Innenminister, der nichts falsch machte, weil er bislang gar nichts machte und damit die Zweifel an seiner Qualifikation für das Amt schürte. Da ihm Aktionismus zuwider, die schnelle Phrase fremd und die Vernebelung von Tatsachen verhaßt ist,’stellt sich einer wie er beim Interview durch Golo Mann besser dar als in der Tagesschau.