Carl Zuckmayer, im nächsten Jahr achtzig, hat ein neues Theaterstück geschrieben: „Der Rattenfänger“ – und wurde dafür von einem überaus dankbaren Zürcher Uraufführungspublikum mit viel Liebe und Beifall belohnt. Leopold Lindtberg hat das Stück inszeniert, in alter Freundschaft und herzlicher Verlegenheit – hat das Stück mit zäher Feierlichkeit und vielen Verharmlosungen dorthin gebracht, wo das deutsche Theaterpublikum seinen Zuckmayer am liebsten haben will:-zum gemütvoll dampfenden Volks- und Märchentheater. Unterschlagen hat die Aufführung, weil sie sich wohl ein bißchen für das Stück schämte, daß der alte Zuckmayer eben nicht eine freundlich-müde Reminiszenz an seine Jugenderfolge geschrieben hat, sondern ein wildbewegtes Trivialdrama. Zuckmayer hat die Rattenfängersage zu einer Sozialballade, zu einer sozialistischen Ballade beinahe, gemacht: Der Rattenfänger (in Zürich von Helmut Lohner mit mürbem Charme absolviert) ist ein Heiland für die Unterdrückten von Hameln, für die Bewohner der hinteren Stadt und für die Kinder. In der vorderen Stadt lebt Hamelns Geldbürgertum – Zuckmayer zeichnet es als eine ganz und gar vorderbte Gesellschaft: betrügerisch, mordgierig, fürden Untergang reif. Man kann sicher Zuckmayers Philosophieren naiv, seine literarischen Mittel grotesk finden; kann sich an einer Sprache erheitern, die sich entweder schillerisch-sentenzenhaft aufbläht oder aber volkstümelnd poltert, den Phallus vorzeigt. Doch über dieses unsägliche Stück Theaterliteratur erhebt sich, beinahe unversehrt, eine rührende, eine imponierende Person: Carl Zuckmayer, der ohne Angst vor Schimpf und Spott etwas im guten Sinne Unverschämtes geschrieben hat – nicht unbedingt ein Drama, wohl aber das Dokument einer ungebrochenen Lebensfrömmigkeit und Menschenliebe. Eine dezente Aufführung wie die in Zürich ist da die allerschlimmste – eine, die Zuckmayers Feuerköpfigkeit zu Altersweisheit verschönt, der zu diesem Gefühlstext nicht mehr einfällt als langweiliger guter Geschmack und die so das herzliche, kindliche, vielleicht lächerliche, vielleicht momentweise großartige Jugendwerk eines alten Mannes versäumt. Benjamin Henrichs