Von Hansjakob Stehle

Rom, im Februar

Immer schon war es nur scheinbar leichter, Wahrheiten zu verwalten, als sie zu verkünden. Die katholische Kirche hat in ihrer langen Geschichte so manchen Heiligen auf den Scheiterhaufen geworfen und manchen Ketzer nachträglich auf den Altar erheben müssen. Gemessen daran ist die „Erklärung“, mit der die vatikanische Kongregation für Glaubenslehre, die einstige Inquisition, jetzt den „Fall Küng“ durch eine bloße Ermähnung zu bereinigen gesucht hat, ein Muster an Milde.

Freilich, Hans Küng, der Tübinger Theologieprofessor mit dem schweizerisch-alemannischen Dickschädel, in dem es mehr gescheite und fromme Gedanken gibt als in den meisten Köpfen der römischen Glaubensverwaltung, – er hat sein dickes Fragezeichen hinter das Wort „Versöhnung“ gesetzt, das da und dort gebraucht wurde. Er selbst will zwar nicht unversöhnlich und rechthaberisch sein, aber ging und geht es wirklich nicht – wie er schrieb – um die Frage, „Wer recht hat, sondern was recht ist“??

In seinen Büchern „Die Kirche“ (1967) und „Unfehlbar? Eine Anfrage“ (1970) hat Küng Meinungen vertreten, die „im Widerspruch zur katholischen Lehre stehen“. So behauptete es die römische Glaubenskongregation schon 1971 in Briefen an Küng. Statt ihm aber Irrtümer, Abweichungen vom Dogma nachzuweisen, verlangte die Behörde – wie es bei ihr von altersher üblich ist – daß umgekehrt Küng die Rechtgläubigkeit seiner Thesen nachzuweisen habe. Nicht die Ankläger haben eine Schuld, sondern der Angeklagte seine Unschuld zu beweisen.

Diesem Verfahren, das dem modernen Rechtsempfinden (nicht nur dem christlichen) widerspricht und selbst in Diktaturen nicht offen praktiziert wird, hat Küng von Anfang an entschieden widersprochen. Die amtlichen Glaubenshüter in Rom hatten auf ihrer Seite allerdings die innere Logik des Dogmas, zum Beispiel jenes von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes: Zu seinem Wesen gehört es nämlich, daß sein Wahrheitsanspruch aus dem „Geheimnis, der Kirche“ kommt, also nur vom Zweifler und Ungläubigen, nicht aber vom Gläubigen „hinterfragt“ werden kann, seit es 1870 definiert wurde.

Eine Erklärung der Glaubenskongregation von 1973, die – ohne Küngs Namen zu erwähnen – das gültige Dogma in Erinnerung rief, gestand denn auch in schöner Offenheit, sie habe gar „nicht beabsichtigt oder das Ziel, durch eine Untersuchung der Grundlagen unseres Glaubens zu ‚beweisen‘, daß die göttliche Offenbarung der Kirche anvertraut ist, um durch sie in der Welt unverfälscht bewahrt zu werden ...“