/ Von Heinz Josef Herbort

Was uns der kalde winter hat betwungen/das wil der meie, mit geschraie, dungen/mit süsser krafft.../Des kalden snes mag er nit lenger tauren.“ Der so reimte, Oswald von Wolkenstein, der letzte aus der Gilde der großen Minnesänger, stammte aus dem nahen Pustertal, nahm zeitweilig einen festen Wohnsitz auf der Burg Hauenstein am Schiern, hatte auch enge Kontakte zum Kloster Neustift bei Brixen und starb, 1445, in Meran – er besaß also Ortskenntnisse über die Dolomiten.

Aber sei es, daß zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Witterungsverhältnisse dort noch etwas strenger waren, sei es, daß auch für Oswald schon der Wonnemonat eher symbolischen Stellenwert hatte – heutzutage jedenfalls sind die italienischen Fremdenverkehrsleute in ständiger Sorge, daß der „kalde sne“ ihnen wenn schon nicht bis in den Mai, so doch wenigstens in den oberen. Lagen bis zum Saisonende Mitte April erhalten bleibt. Denn schon mehrere Jahre hintereinander ist die weiße Pracht entweder gar nicht erst zustande gekommen oder bereits ziemlich schnell ramponiert und dann so gut wie nicht erneuert worden. Und wenn in diesem Jahr die schweizerischen und österreichischen Skiorte auf der Alpen-Nordseite oberhalb 1500 Meter Schneehöhen von vierhundert und mehr Zentimetern messen, müssen sich die Italiener, vor allem östlich der Brennerstraße, mit mageren 10 bis 40, selbst in ansonsten als „Schneelöcher“ bekannten Orten manchmal mit 50 bis 100 Zentimetern begnügen.

Eines dieser „Schneelöcher“ in den Dolomiten: Wolkenstein, 1563 Meter hoch gelegen am Ende des Grödner Tals, das bei Waidbruck vom Etschtal (Brennerstraße) nach Osten abzweigt (um gleich der Zweisprachigkeit der italienischen Provinz Südtirol zu entsprechen: „Selva“ im „Val Gardena“). Die durch das nach Nordwesten geöffnete Tal einströmenden schneebringenden Luftmassen fangen sich vor dem östlich gelegenen Grödner-Joch oder dem nach Südosten abschließenden Sella-Joch, umgekehrt kommt von Cortina d’Ampezzo/Corvara der Ostwind das Gadertal hoch, bricht sich am Langkofel-Massiv und entlädt auf den beiden Joch-Hängen Schnee in manchmal erschreckenden Mengen – und das noch zu Frühlingszeiten. In den Jahren 1972 und 1973 etwa saß man in der zweiten Märzhälfte drunten in Bozen bereits ohne Mantel im Gartencafé, blühten dort Krokusse und Forsythien, sogar erste Kirschen, und in den niedrigeren Grödnertal-Orten St. Ulrich und St. Christina war die Ski-Saison so gut wie beendet; derweil machte oben auf den Hängen über Wolkenstein bis um die Mitte April noch herrlicher Schnee Abfahrten herunter bis in Ortsnähe möglich. In diesem Jahr hat nach mäßigem Saisonbeginn in der zweiten Februarwoche heftiger Schneefall wieder für normale Bedingungen und damit eine voraussichtlich gute und lange Skiperiode gesorgt.

Skifahren in Wolkenstein: Schon vor dem Zweiten Weltkrieg rutschten hier eine Handvoll Enthusiasten auf Brettern über die weiten Schneefelder am Sella-Joch, und zwei Sommerfrische-Hotels dehnten ihren Betrieb auch auf den Winter aus. Um das Jahr 1950 dann ein zweiter Beginn, ein erster Schlittenaufzug führte auf den Hausberg im Süden, den Ciampinöi (2255 m), weiter südöstlich entstand eine Aufstiegshilfe zum Pia Seteur (2064 m) mit einigen Anschluß-Schleppliften, im Osten eine Liftverbindung zur Höhe des Grödner Jochs mit Anschluß an das Skigebiet von Corvara – aber viel war das noch nicht.

Dann eines Tages, 1966/67, setzte sich bei den Grödnern der Plan fest, die alpinen Skiweltmeisterschaften auszurichten. Einschließlich der Kosten für den Neubau der Zufahrtsstraße brachten Gemeinden, Provinzregierung, Staat, das Nationale Olympische Komitee und ein paar ungenannt bleibende Mäzene an die 45 Millionen Mark zusammen: Vom 6. bis 15. Februar 1970 war die Crème des internationalen Ski- und Eissports im Grödnertal versammelt. Am Ziel der Slalomstrecken vom Ciampinöi hinunter nach Wolkenstein und an der Herrenabfahrt Ciampinöi – St. Christina stehen noch heute die Siegernamen auf den Anzeigetafeln: Karl Schranz in 2:15,15, Bernhard Russi in 2:24,57. Von der Tatsache einmal abgesehen, daß die seinerzeit erzielten Geschwindigkeiten – sie transit gloria mundi – heute über einen Platz im hinteren Drittel bei einem World-Cup-Rennen nicht mehr hinausreichten: Die Italiener, und vor allem die Grödner, waren schon mächtig stolz auf ihre und der Helden Leistungen. Und schließlich schneepflügen, stemmen, schwingen und wedeln heute die Touristen über die Rennpisten – und ihre Devisen helfen die damaligen Investitionen abzubezahlen.

Skifahren in Wolkenstein – schon bei der Anfahrt gilt es sich zu entscheiden: entweder umweltfreundlich, aber abhängig und umständlich, oder egozentrisch, aber mobil; also per Bahn und Bus oder eben mit dem Wagen. Fast drei Viertel aller Wolkenstein-Gäste (1973: mehr als 600 000 Übernachtungen) ziehen die Möglichkeit zur Flexibilität mit dem eigenen Fahrzeug vor, und sie tun gut daran.